Der umtriebige Walerij Gergiew legt hier ein selten gespieltes Musiktheater-Werk Prokofjews vor, das es auch weiterhin schwer haben wird - und das nicht nur wegen des zur Entstehungszeit zwar politisch überaus "korrekten" Librettos, das aus heutiger Distanz jedoch nur Propaganda-Qualitäten besitzt. Nach den symbolträchtigen Opern wie der ,,Liebe zu den drei Orangen" widmete sich Prokofjew Ende der dreißiger Jahre ganz der sowjetischen Befreiungsgeschichtsschreibung. In dieser Oper geht es um ein ukrainisches Bauerndorf, in dem Semjon Kotko an der Seite von Partisanen gegen "Reaktion" und "Unterdrückung" kämpft.
Teilt das Sujet in seiner Dünnatmigkeit das Schicksal mit zahllosen Opern-Textbüchern, so sind hierbei Prokofjews musikalische Charakterzeichnungen erstaunlich blass geblieben. Von den früheren, grellen Dissonanzblöcken und grotesk-feurigen Dialogisierungen ist da nur wenig geblieben. Doch die Qualität dieser Wiederentdeckung verdankt sich Gergiew und seinem Kirow-Ensemble. In diesem Mitschnitt aus dem Wiener Konzerthaus knüpfen die Sänger nahtlos an den musikantischen Hochdruck des Orchesters an. Besonders Viktor Lutsiuk in der Titelpartie setzt immer wieder und mit bisweilen hysterischem Espressivo dramatische Akzente, wo die Partitur auf der Stelle zu treten droht. Da ist Tatiana Pawlowskaja als die Verlobte Sovya mit ihrem blühenden, jugendlichen Sopranton schon wesentlich beweglicher im Ausdruck, beherrscht sie die gefühlvolle Phrasierung ebenso wie den wilden Furor. Gerade dieses beträchtliche, gleichfalls für die Nebenrollen geltende Maß an gestalterischem Fassettenreichtum ist somit Grund genug für diese diskografische Ehrenrettung des "Semjon Kotko".

Guido Fischer, 13.07.2000



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