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Sergei Rachmaninow

Piano Concertos Nr. 1 - 4, Rhapsody On A Theme Of Paganini

Earl Wild, Royal Philharmonic Orchestra, Jascha Horenstein

Chandos/CodaexChan X100078
(174 Min., 5/1965)

Wie ordnet man sie ein, die Musik Sergei Rachmaninows, für die es in der Musikgeschichte keinen rechten Platz zu geben scheint? Romantisch, spätromantisch, spätest-romantisch... an all diesen Begriffen stößt sich der seriöse Geisteswissenschaftler, bezeichnet "Romantik" doch einen Stil, der in der Literatur um 1830, in der Musik aber schon bald nach der Mitte des 19. Jahrhunderts zu Ende ging. Wer sich später noch der in romantischer Zeit entwickelten Tonsprache bedient, so meint etwa Peter Rummenhöller, arbeite allenfalls noch mit den "Requisiten" jenes Stils. Aber es gibt sie nun mal, diese Musik, und Sergei Rachmaninow als Mensch vereinte in seiner Person nicht wenige Aspekte romantischen Künstlertums: Er war ein Ausnahme-Virtuose, er war ein Melancholiker, er war ein Wanderer zwischen Welten, zwischen West und Ost; und er litt unter dem äußerlich durch politische Gegebenheiten erzwungenen Schicksal der Heimatlosigkeit, denn in Amerika hat er sich, wie viele seiner Landsleute, nicht vollkommen wohl gefühlt. Erspart hingegen blieben ihm Armut und Elend; dafür sorgten seine spektakulären pianistischen Fähigkeiten in Verbindung mit seinen Kompositionen, die das Publikum in Amerika und Europa gern von ihm hörte. Er selbst, der sich mehr als Komponist denn als Interpret verstand, litt unter seinem Gladiatorendasein und war stets von tiefem Misstrauen hinsichtlich der Wirksamkeit seiner Musik erfüllt: Kaum jemals spielte er eines seiner großen Werk vollständig, sondern kürzte die Kadenzen seiner Klavierkonzerte oder reduzierte die Anzahl der Paganini-Variationen, wenn er Unruhe im Publikum zu bemerken glaubte.
An brillanten Aufnahmen der Konzerte Rachmaninows mangelt es nicht; für jeden Pianisten, der über das nötige technische Rüstzeug verfügt, stellen sie eine willkommene Herausforderung dar, und nicht wenige haben es gerade mit dieser Musik zu Ruhm gebracht: Man denke nur an Horowitz oder Kissin, die beide mit "Rach Drei" für Furore sorgten. In jüngerer Vergangenheit war es vor allem Mikhail Pletnev, der eben diesem Werk mit Rostropowitsch am Pult neue Nuancen zu entlocken verstand. Seltener sind schon Gesamtaufnahmen aller vier Konzerte und der Paganini-Variationen; aber nicht nur deswegen ist die vorliegende Doppel-CD hörenswert: Obwohl schon 1965 entstanden, atmen diese Aufnahmen den Geist einer zeitlos modernen Interpretation, was wohl besonders dem genialen Dirigenten Jascha Horenstein zu verdanken ist; er führt das Royal Philharmonic Orchestra zu einer Höchstleistung in punkto klanglicher Homogenität, Leidenschaftlichkeit und Beseeltheit. Earl Wild, der unverwüstliche amerikanische Tastenakrobat, bewältigt das Repertoire selbstverständlich ohne Tadel und bringt auch die notwendige physische Kraft auf, um Rachmaninows Horror-Klavierparts wirklich zur Geltung zu bringen. Allerdings ist diese Aufgabe bisweilen schon differenzierter gelöst worden. Ein weiterer Pluspunkt neben Horensteins grandioser Leistung ist der Einschluss des ersten und vor allem des selten zu hörenden vierten Klavierkonzerts.

Michael Wersin, 29.11.2003



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