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Dialogo

Aydin Esen

Material Records/harmonia mundi
(55 Min., 3/2005) 1 CD

Nun, das Verhältnis zwischen Türken und Österreichern ist nicht das allerbeste. Das bekam man unlängst noch einmal schön mit, als sich die Alpenländer vehement gegen den EU-Beitritt der Vorderasiaten aussprachen - die Belagerung Wiens ist wohl immer noch nicht vergessen.
Es ist vor diesem Hintergrund nicht ohne Ironie, dass das erste Stück auf Aydins Esens CD ausgerechnet "Europa" heißt. Esen ist Türke, die Plattenfirma, die den höchst eigenwilligen Pianisten und Keyboarder jetzt einer erstaunten größeren Öffentlichkeit vorstellen will, sitzt in Österreich. Es handelt sich dabei um das Label des Gitarristen Wolfgang Muthspiel, der Esen vor zwanzig Jahren beim Musikstudium in Boston kennenlernte. Das Berklee College war beileibe nicht die einzige Konservatoriumsstation im Lebensweg des Pianisten; er wurde in der ganzen Welt ausgebildet, in Istanbul, Oslo und New York.
So klingt auch seine Musik: Global und ortlos im besten Sinne. Aydin Esens spontane Kompositionen lassen sich nicht eindeutig in die Schubfächer des freien Jazz, der modernen Avantgarde oder der Elektronik einsortieren. Seine asymmetrischen Klavierlinien wirken auf den ersten Blick wirr und verwirrend; dennoch scheinen sie in dunkel erkennbaren Mosaikstrukturen angeordnet zu sein. Darüber legt Esen parallel eingespielte Synthesizer-Sounds, verfremdete E-Pianos, traurig singende Moogs, geisterhafte Theremin-Rufe. Sie vibrieren warm und gemahnen an die Klangerzeugnisse von Joe Zawinul. Und von Lyle Mays. Dessen musikalisches Alter Ego, Pat Metheny, zählt übrigens zu Esens großen Bewunderern. Nach einer gemeinsamen Session soll er den türkischen Pianisten gefragt haben: "How did you get so good?"
Wie er es geschafft hat, eine derartig eigene, Genregrenzen überwindende Sprache zu entwickeln, bleibt Esens Geheimnis. Dass man endlich in den irritierenden Genuss dieser Musik kommen kann, verdankt sich einer ähnlich ungewöhnlichen türkisch-österreichischen Freundschaft, die auf "Dialogo" zu einem wahnwitzigen Ballwechsel zwischen Muthspiels Akustik-Gitarre und Esens Tastenkaskaden führt. Ein prima gesamteuropäischer Dialog.

Josef Engels, 17.12.2005



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