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East/West

Bill Frisell

Nonesuch/Warner 07559 79863-2
(114 Min., 12/2003, 5/2004) 2 CDs

Man glaubt ja, dass es das nur in Deutschland gibt. Aber auch in den USA spielt der Gegensatz zwischen West und Ost eine wichtige Rolle. Zumindest in der Populärkultur. Jazzfreunde und Rockbefürworter wissen beispielsweise sofort, was gemeint ist, wenn von "Westcoast" die Rede ist: sonnige Sorglosigkeit, drapiert mit einer Cocktailkirsche aus Melancholie. Und dann gab es vor ein paar Jahren auch diesen unseligen HipHop-Krieg zwischen Ost- und Westküste. Weshalb sich die beiden Parteien so unversöhnlich gegenüberstanden, wissen wahrscheinlich noch nicht mal mehr die Überlebenden.
Bill Frisell, der große panamerikanische Gitarrist, ruft zur Versöhnung auf. Die Live-Doppel-CD "East/West" zeichnet sich durch den Kniff aus, dass man hier zwei Konzerte unter einem geografischen Gesichtspunkt miteinander vergleichen kann. Den einen Gig spielte Frisell im Dezember 2003 im New Yorker Village Vanguard gemeinsam mit dem Bassisten Tony Scherr und dem Schlagzeuger Kenny Wolleson, den anderen knapp ein halbes Jahr später im Yoshi’s im kalifornischen Oakland. Die beiden Auftritte unterscheiden sich extrem stark voneinander, was nicht nur daran liegt, dass in Oakland an Stelle von Scherr Viktor Krauss den Bass bediente.
Die "West"-CD zeichnet sich, Hollywood lässt grüßen?, durch einen Soundtrack-Charakter aus. Mit imaginären Sporen an den Stiefeln und Kippe im Mund scheint das Trio schwermütig Wüsten-Sonnenaufgängen entgegen zu reiten, die aus Jim Jarmuschs "Dead Man" oder aus der Rodriguez/Tarantino-Koproduktion "From Dusk Till Dawn" stammen könnten. Das ist alles ein bisschen zäh, wie die auf acht Minuten aufgeblähte Version von "I Heard it Through the Grapevine" vielleicht am besten illustriert.
Anders in New York. Dort nähern sich Frisell, Scherr und Wolleson einerseits mehr den klassischen Jazz-Ausdrucksformen - Swingtriolen-Becken, Standardmaterial wie "The Days of Wine and Roses" - an. Andererseits gehen sie mit mehr Mut zur Verstörung an die Sache. Frisells in Oakland so freundliche Gitarren-Delays und -Loops mutieren in New York mitunter zu fiesen Noise-Monstern. Der Osten verträgt irgendwie mehr.

Josef Engels, 15.10.2005



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