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Johann Sebastian Bach

Advents-Kantaten BWV 36, 61, 62

Nancy Argenta, Petra Lang, Anthony Rolfe Johnson, Olaf Bär, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

Archiv Produktion/Universal 463 588-2
(61 Min., 12/1991) 1 CD

Kurze Verschnaufpause für Sir John, während die "neue" Folge seiner "Cantata Pilgrimage" mit drei Adventskantaten auf den vorweihnachtlichen Markt geworfen wird: Diese Stücke hat er nicht, wie auch dieses Beiheft wieder verkündet, "im Laufe des Jahres 2000 jeweils an den Sonn- und Feiertagen" aufgeführt, "für die sie einst komponiert wurden". Er ist für diese Aufnahme mit seinem Ensemble auch nicht in "verschiedene europäische Kirchen", sondern vielmehr in die Londoner Blackheath Concert Halls gepilgert, und das bereits im Januar 1992.
Macht nichts, muss man aus musikalischer Sicht über diese Mogelei jedoch sagen, denn die Einspielung der drei Werke wirkt insgesamt sorgfältiger und stimmiger als manche tatsächlich im Rahmen der diesjährigen "Pilgrimage" entstandene Produktion. Aus dem Ensemble der Gesangssolisten stechen vor allem die zauberhafte Sopranistin Nancy Argenta und der souveräne Tenor Anthony Rolfe Johnson hervor. Rolfe-Johnson meistert die langen Koloraturen seiner Arie in "Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 62 mit staunenswerter Perfektion und endloser Atemkapazität, und Argenta hat ihre Sternstunde vor allem in der Arie "Öffne dich, mein ganzes Herz" aus BWV 61: Solchen silbrigen, anschmiegsamen Klang, gepaart mit vollkommener Flexibilität der Stimmgebung, kennt man sonst eigentlich nur von Emma Kirkby.
Petra Lang, die Alt-Solistin, ist in diesen Kantaten leider unterrepräsentiert, sie darf ihr wohlklingendes Stimm-Material nur zweimal im Duett mit Nancy Argenta zum Erklingen bringen. Lediglich Olaf Bär kann nicht wirklich befriedigen, denn vor lauter bedeutungsschwangerem Koloraturen-Stoßen und Vibrieren kommt er kaum jemals richtig zum Singen. Von guter Qualität sind Instrumentalensemble und Chor. Die Männerstimmen des Monteverdi-Chors zeichnen sich in dieser Aufnahme durch einen angenehm zupackenden, klanglich sehr charaktervollen Duktus aus, der vergleichbaren Ensembles manchmal gut tun würde.
Angesichts des Gesamteindrucks der Aufnahme fragt man sich jedoch hier und da, warum die vom Prinzip her etablierte und überzeugende "historische Aufführungspraxis" oft allzu schnelle Tempi und eine ruppige, über-rhetorische Musizierweise mit sich bringt. Die Musiker der Barockzeit müssen wohl sehr nervöse Menschen gewesen sein und immer ganz wenig Zeit gehabt haben. Lobenswert ist der tatsächlich im Jahr 2000 hinzu gekommene Beihefttext der Bach-erfahrenen Musikwissenschaftlerin Ruth Tatlow: Er führt den Hörer auf sachkundige Weise vor allem in den theologisch- musikalischen Gehalt der Werke ein und trägt so zu einem tieferen, fundierten Verständnis von Bachs Musik bei.

Michael Wersin, 01.12.1999



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