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Franz Schubert

Winterreise (Pro und kontra - Eine Aufnahme zwei Meinungen)

Thomas Quasthoff, Charles Spencer

RCA/BMG 09026 63147 2
(72 Min., 2/1998) 1 CD

PRO
Den Bariton Thomas Quasthoff unvoreingenommen zu beurteilen ist - in Anbetracht seines körperlichen Gebrechens - gewiss nicht einfach. Es ist aber auch kein Ding der Unmöglichkeit. Dazu höre man sich seine jüngste Aufnahme mit Franz Schuberts “Winterreise” an. Selten zuvor ist mir eine “Winterreise” untergekommen, die so von männlicher Leidenschaft und Glut der Empfindung erfüllt ist.
Thomas Quasthoff ist, weder im Gespräch noch in seiner Kunst, ein Freund von morbid breit ausgewalzten Gefühlsergüssen. Und so stellt er Schuberts ruhelosen Wanderer denn auch dar: nicht als ätherischen, in Weltschmerz badenden Jüngling, sondern als jenen Handwerksburschen, der Schubert vorschwebte; als einen jungen Mann, der sich dem Schmerz stellt, statt narzißtisch sentimental in den Affekten zu schwelgen.
Wie kaum einem anderen Künstler gelingt es Quasthoff, Distanz zu den teilweise überladenen Texten zu wahren: keine großen Aufschreie, keine billige Emphase, das Leid wird nicht zur Schau gestellt. Wer hätte besser den Ton dieser Musik treffen können, die so tief und erfüllt ist, so sparsam und sicher in ihren Mitteln und so persönlich?

- Teresa Pieschacón Raphael, RONDO


KONTRA
Thomas Quasthoff hat etwas gegen Kritiker, das weiß (fast) jeder, der einmal ein Konzert des Baritons besucht oder ein Interview mit ihm gelesen hat. Wer diese “Winterreise” vorurteilsfrei hört, wird aber vielleicht auch verstehen, warum mancher Kritiker etwas gegen Thomas Quasthoff hat. Die unüberhörbare Zuneigung des Sängers zum eigenen Bass-Bariton ist eben nicht jedermanns Sache. Das wäre verzeihlich, aber - viel schlimmer - Quasthoff läßt dieser Zyklus hörbar kalt, er sucht statt dessen stets die hohle Pose: selbst in der Larmoyanz noch eine recht großsprecherische Schubert-Interpretation.
Gleich zu Beginn, in “Gute Nacht”, weiß man Bescheid. Dass man ihn “trieb hinaus”, erzählt uns dieser Wandersmann mit hektischer Tempobeschleunigung, als das Lied sich am Ende ins grausame Winterreisen-Dur wendet, inszeniert Charles Spencer am Flügel ein großväterliches Ritardando: Achtung, Harmoniewechsel! Der Sinn, die Architektur dieses Zyklus ist beiden auch im weiteren Verlauf herzlich gleichgültig. Quasthoff verweigert sich mit seltener Konsequenz der ins Mark treffenden Einsamkeit dieses Wanderers, seinem Wechsel zwischen Aufbegehren und menschenmüder Resignation, ist statt dessen ständig auf der Suche nach dem richtigen Ton saturierter Bildungsbürgerlichkeit: ein Winterreisender, der es sich vor dem Kamin so richtig gemütlich gemacht hat.

- Stefan Heßbrüggen, RONDO

30.06.1998



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