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Franz Schubert

Winterreise

Dietrich Henschel, Irwin Gage

Teldec/Warner Classics 8573-82273-2
(70 Min., 2/2000) 1 CD

Jeder Sänger, dem das Kunstlied durch tiefgehende musikalische Erfahrungen ans Herz gewachsen und zum persönlichen Anliegen geworden ist, weiß um die Aktualität eines Zyklus‘ wie Schuberts "Winterreise". Hinter unzeitgemäß anmutenden Texten, Inhalten und musikalischen Ausdrucksmitteln offenbaren sich Urerlebnisse, die auch in der heutigen Lebenswirklichkeit jedem Menschen widerfahren können: Ablehnung, Einsamkeit, Illusion, Getriebensein. Eine moderne Interpretation von Schuberts Liedern, die nicht nur wohlklingende Reproduktion sein will, muss sich daran messen lassen, ob sie den aufgeschlossenen Hörer unmittelbar und existenziell zu berühren vermag.
Dietrich Henschel und sein Begleiter Irwin Gage nähern sich der Winterreise - so erfährt man im Beihefttext - zunächst mit dem Anspruch genauer Beachtung der zahlreichen dynamischen und agogischen Feinheiten des Notentextes. Dies ist im Hinblick auf Schuberts Notationsgewohnheiten und die besondere Quellenlage gerade der "Winterreise" tatsächlich nicht so selbstverständlich, wie es scheint. So fördern die beiden Künstler in der Tat bisher selten Gehörtes zu Tage, neben zahlreichen gewöhnlich übersungenen Pianostellen beispielsweise die spannungsreiche Fermate im ersten Teil des "Irrlichts". Allerdings finden sich gleichzeitig andere Details der Partitur, oft im Klavierpart, unverständlicherweise missachtet.
Weiterhin legt Dietrich Henschel Wert darauf festzustellen, dass der Wanderer seine Reise freiwillig, "ohne Larmoyanz und Bedauern" antritt. Er verliert nicht nur, meint Henschel, sondern er gewinnt auch: Freiheit, Autonomie, Distanz. Es ist sehr fraglich, ob Franz Schubert, der sich unzweifelhaft mit seinem Protagonisten identifiziert hat, diese Perspektiven zu sehen vermochte: Allzu elend war doch gerade am Ende sein mühseliges Dasein. Der Wanderer dieser Interpretation hingegen macht seine bitteren Erfahrungen selbstbewusst, oft beinahe trotzig. Gerade die letzten Lieder klingen äußerst wach und eher entschlossen als verzagt.
Verträgt die "Winterreise" diesen Transfer in die Realität eines entwurzelten, aber autonomen Single-Daseins? Rein stimmlich stehen Dietrich Henschel nicht ganz die opulenten Mittel zur Verfügung, derer sich etwa Andreas Schmidt bei seiner Einspielung des Zyklus erfreuen konnte. In der hohen Lage scheint manche Anspannung und Verfärbung nicht freiwillig zu sein, und auf der dynamischen Skala von körperlosen Piano-Effekten bis zu kräftigem, manchmal sehr hartem Forte fehlt streckenweise ein offenes, in allen Lagen leicht ansprechendes Mezza Voce. Dennoch ist diese Neuaufnahme ein engagierter, diskussionswürdiger Beitrag zur zeitgemäßen Deutung eines Meisterwerks.

Michael Wersin, 28.09.2000



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