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Franz Schubert

Klaviersonaten H-Dur D 575, G-Dur D 894, A-Dur D 959, B-Dur D 960

Alfred Brendel

Philips 456 573-2
(1999) 2 CDs

Alfred Brendels Pilgerschaft zu Schubert währt mittlerweile so lang, dass man sich kaum ihrer Anfänge entsinnt. Manche Etappen aber sind in unser Hörergedächtnis unauslöschlich eingegraben. Brendel zählt mit Fischer-Dieskau und Richter zu den Entdeckern grenzenloser Reiche komponierter Verzweiflung und Verlorenheit. Brendel reiste weiter, machte die formale Logik der späten Sonaten bezwingend klar, später dann die verstörende Kahlheit und Strenge ihrer Finali – man denke an seine eisige Deutung des Tarantella-Schlusses der c-Moll-Sonate.
Nun, nach so vielen Jahren, kann er den ganzen Schatz seiner Entdeckungen in grandios-gelassener Vollkommenheit ausbreiten. Ein Wink genügt, und wir erinnern uns. Das Andantino aus der späten A-Dur-Sonate hat Brendel früher mit dem Mut zu absoluter Schroffheit und Hässlichkeit vorgeführt. Wir haben erlebt, was sich hier für ein kaum noch beschreibbarer Ausdrucksraum öffnet. Heute genügen ein paar harte Striche. Wir wissen um die Abgründe. Auch um die Zerbrechens-Geschichte des Finales. Brendel kann es gelöster als früher aussingen lassen. Die formale Pointe muss er nicht mehr erklären. Wir entsinnen uns, und das schafft Raum für eine ganz milde, neue Poesie. Noch etwas fällt bei diesen Konzertmitschnitten auf: Brendel war vor fünfundzwanzig Jahren kaum der Pianist, dessen Ton man bewundert oder als spezifisch wiedererkannt hätte; etwas hart klang der Flügel manchmal bei ihm. Doch nun ist sein Ton reif geworden, ist zum Beispiel dem ganz statischen Pianissimo-Wunder des Beginns der G-Dur-Sonate jene schwebende Transparenz und Leuchtkraft zugewachsen, die man damals vermisste.
So trägt Alfred Brendel all seine Schubert-Erkenntnisse mit einer wunderbar bescheidenen Andeutungs-Kultur in sein achtes Jahrzehnt. Dieses Spiel als gültiges Endstadium anzusehen, würde sich das Geburtstagskind - am 5. Januar wurde er siebzig - wohl verbitten. Die Reise geht weiter, auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, wie es noch verfeinerter, gültiger, einfach hinreißend schöner werden kann mit Brendel und Schubert. Aber er wird uns überraschen.

Matthias Kornemann, 11.01.2001



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