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Franz Schubert

Schwanengesang D 957, Vier ernste Gesänge

Thomas Quasthoff, Justus Zeyen

Deutsche Grammophon 471 030-2
(66 Min.) 1 CD

Der Wunsch eines jeden Kritikers ist es bekanntlich, einmal einen Sänger zu entdecken. Bei Thomas Quasthoff komme ich wieder zu spät: Dieser Bass-Bariton ist ja alles andere als künstlerisches Neuland; jeder Abschnitt seines Stimmumfangs wurde bereits von der schreibenden Zunft genauestens kartografiert. Bleibt mir nur übrig, wenigstens nachdrücklich auf den anderen großartigen Sänger dieser CD hinzuweisen: Denn wenn der Klavierbegleiter Justus Zeyen die Kantilenen der linken Hand unter den schubertisch pochenden Achteln der Rechten mit kantabler Zärtlichkeit aufsteigen lässt, dann gehört das zu den beglückendsten Momenten, welche diese Einspielung bereithält.
Und wenn gar der Klavierbass mit dem Solisten für kurze Zeit im Einklang zu hören ist, dann scheint es fast so, als trotzte der charmante Begleiter dem mitunter sehr ernst und stets leicht distanziert wirkenden Solisten ein kleines Lächeln ab.
Bei aller Sorgfalt, mit der Quasthoff seine Stimme zu führen weiß und bei aller Differenziertheit seines wunderbar klar artikulierten Vortrags: den Scharmeur will Quasthoff nicht spielen. Dem Blumigen, dem Einschmeichelnden, ja Sentimentaleren in den so uneinheitlich zusammengestellten Liedern des Schwanengesangs verweigert er sich. Der Zyklus, der von Schubert allerdings gar nicht als solcher gedacht war, wirkt dadurch sehr geschlossen.
Doch bleibt so das "Ständchen" noch ein Ständchen? Müsste das Liebchen am Fenster nicht vor dem mit Absicht drängend und rau angegangenen "Komm, beglücke mich" erschrecken? Wie gut, dass Schuberts Liedsammlung auch die bitterstolze Klage des unglückseligen Atlas und die ätzende Ironie der Heine-Vertonungen enthält: Diese Stücke werden von Quasthoff blendend deklamiert - mit wenig Aufwand färbt er den Ausdruck von Grauen, von Bosheit oder Verzweiflung in Schuberts elegante Phrasen hinein.
Bei diesen Voraussetzungen hätte mich Quasthoff mit den "Vier ernsten Gesängen" von Brahms eigentlich noch mehr begeistern müssen. Dass er es nicht tat, möchte ich dem Komponisten zuschreiben; für meinen Geschmack hat der die zentnerschweren Bibelworte in eine allzu asketische Musik gesetzt, die - Spätwerk hin oder her - in ihre einzelnen Abschnitte zerfallen will. Aus der Interpretation spricht viel protestantisches Arbeitsethos, weniger die verklärte Glaubensgewissheit. Brahms hätte sich vermutlich warm verstanden gefühlt.

Carsten Niemann, 05.04.2001



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