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Franz Schubert

Klaviersonate D-Dur D 850, 34 Valses sentimentales D 779

Nikolaus Lahusen

Celestial Harmonies/Naxos 13221-2
(76 Min., 6/2001) 1 CD

Aufnahmen auf historischen Instrumenten entziehen sich eigenartig dem interpretatorischen Vergleich, und weil nun einmal das Vergleichen Schwungrad unserer ganzen Arbeit ist, erlahmt man als Rezensent etwas verlegen. Nur zu gern wird eine Produktion lobend in die "Schonzone" verschoben. Zu Philologen ist man nett, kapiert aber doch nicht so genau, was sie tun.
Tatsächlich ist die Rolle des Interpreten hier durchaus heikler, doppelbödiger, spielt er doch gleichermaßen gegen die Erinnerung an den Klang des modernen Instrumentes und gegen die zähe Vorstellung an, Komponisten wie Schubert hätten schlichtweg alles mit der Vision des kräftigeren Instrumentes entworfen. Hört man den Beginn von Schuberts D-Dur-Sonate von einem Gilels gespielt, glaubt man an diese Vision. Die etwas losbollernde Kraftgeste dieses Aufbruchs ist auf dem modernen Flügel reichlich vereinnahmend. Begänne man mit demselben Elan auf einem Graf-Hammerflügel, es käme doch nur blechernes Scheppern heraus.
Es waren wohl die Einschränkungen des Instruments, die Nikolaus Lahusen einen zarten Seitenweg wiesen, der zunächst zum Tanzkomponisten Schubert führt. Die 34 Valses sentimentales bereiten die zerbrechliche, etwas matte Welt, in die Lahusen die Sonate führen wird. Er nutzt den eigenartig abgepuderten, gehauchten Hammerflügel-Ton, um diese kleinen Gebrauchsmusikstückchen in Tanz-Reminiszenzen zu verwandeln, in Gefäße anmutig müder Zither- und Gitarrenklänge, wie sie aus fernen Gärten ans Ohr dringen. Auf einem modernen Flügel könnte man diesen leis-morbiden Charme schwerlich entfalten.
Wir hören die Sonate anders danach, hören sie als gelegentlich etwas sprödes Gehäuse, aus dem aber bald die wienerischen Melodien dringen. Es scheint voll davon zu sein. Fast in Zeitlupe zelebriert Nikolaus Lahusen die Walzeranklänge in den Seitensätzen des Scherzos. Und noch eine letzte interpretatorische Entdeckung wartet auf uns: auf dem Hammerflügel können keine Tricks die zirpende Spieldosen-Banalität des Finalethemas schönen - am modernen Flügel könnte man rettend nuancieren. Aber das hätte Schubert gar nicht gewollt. Er kannte schließlich den Klang seines Instruments, und aus dieser Spieldosen-Eintönigkeit heraus wollte er das wunderbare Thema des Mittelsatzes herauswachsen lassen, um uns zu beschämen, die wir bereits gelächelt hatten über soviel Harmlosigkeit.

Matthias Kornemann, 06.06.2002



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