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Franz Schubert

Klaviersonate A-Dur D 959, 5 Lieder

Leif Ove Andsnes, Ian Bostridge

EMI 5 57266 2
(61 Min., 8/2001) 1 CD

Dies ist eine jener Aufnahmen, die es dem Rezensenten schwer machen. Was verbirgt sich hinter dem Vorhang musikalischer Gediegenheit? Ein hübsche kleine Schubertiade inszeniert Leif Ove Andsnes und hängt seinem Vortrag fünf Lieder an, die der großen A-Dur-Sonate zeitlich zwar nicht nahestehen, aber melodische Charaktere entwerfen, die das Großwerk dann entfaltet. Gerade im allereinfachsten dieser Lieder erreicht er mit Ian Bostridge Höchstes, im schlichten Strophenlied "Die Sterne". Auf den winzigsten Atem, den kleinsten Drücker Bostridges reagiert der Begleiter, und der simple, ja primitive Klaviersatz funkelt geradezu. Andsnes zaubert im Korsett dienender Abhängigkeit.
Doch wer atmet und singt ihm vor, wenn er sich der Sonate stellt, allein in ihren Längen? Als wisse er um die Gefahren, sich in Schönheiten zu verlieren, bemüht er sich von Beginn an um reserviert-formbewussten Klassizismus und strahlt eine - allerdings trügerische - Gradlinigkeit aus. Denn unterschwellig beschleunigt sich der Puls, spüren wir das Metrum schwanken, als seien da Kräfte angekettet, die, ließe man sie los, die furchtsam gewahrte olympische Ruhe stören könnten.
Ein Brendel hat diese Sorgen nicht. Der schert sich um stabiles Zeitmaß erst gar nicht, nimmt das Seitenthema mit halbem Tempo oder lässt die Achteltriolen des Beginns in den Abgrund rauschen, wie es ein Student nicht dürfte. Wozu gibt es die Schwerkraft? Es ist das Erleben eines romantischen Herzens.
Der scheue Andsnes zwingt sich an den expressiven Nahtstellen zur Ruhe, auf das sie halten mögen. Es kann zur Starre führen, die er mit aller Pianissimo-Kultur zu veredeln sucht. Im Elfentanz der fantasieartigen Durchführung mag dieses taukühle Gehäkel in dünner Luft bezaubern. Doch dann sollte, ja muss sich Spannung aufbauen im mechanischen Gewirke, naht doch die Reprise, und Schubert enthält uns in kleinen Erregungswellen herabtröpfelnder gebrochener Oktaven erlösendes A-Dur noch acht Takte vor. Ein süß-beunruhigender Augenblick, sitzt ein Brendel am Flügel. Andsnes hört diese intensiven Augenblicke herausfordernd eckig, trocken, und fast überfallartig ist dann die Reprise da. Es hat sich nichts Bewegendes ereignet. Noch einmal gutgegangen...
Ähnlich geht es ihm im berühmten Chaos des Andantino-Mittelteils. So sorgfältig Andsnes diese 32-tel-Explosion auch präpariert, er bleibt in sicherem Abstand, das Ungeheuerliche dieser Takte, dieses Ende der Musik, wie es Schubert hier fantasiert, es wird nicht zur Erschütterung für Interpreten und Hörer, ebensowenig die rührende Zerfallsstudie des Rondos, weil sich Andsnes auch hier zu kultivierter Sachlichkeit zwingt. Es mag ihm zu Herzen gehen, aber er teilt es nicht mit, aus Furcht, sein mühsam ausbalancierter Vortrag könnte aus dem Lot geraten. Und wir nehmen nurmehr das subkutane Rumoren unter der pianistisch makellosen Oberfläche wahr.
So bleibt diese erste Schubert-Platte Andsnes' etwas unentschieden: zu unruhig, um einen ganz und gar klassizistischen Schubert zu entwerfen (ein kühnes Unterfangen wäre das), doch zu befangen, um eine Ahnung von ihrer visionären Kraft zu schenken.

Matthias Kornemann, 10.10.2002



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