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Franz Schubert, Felix Mendelssohn Bartholdy

Messe Nr. 5 As-Dur, Psalm 42 "Wie der Hirsch schreit"

Anna Korondi, Anke Vondung, Andreas Karasiak, Kay Stiefermann, RIAS Kammerchor, Orchestre des Champs-Élysées, Philippe Herreweghe

HMF/Harmonia Mundi 901786
(66 Min., 3/2002) 1 CD

Ob der Papst ihn gelobt hätte? Vermutlich nicht. Zwar war schon der elfjährige Franz Schubert ein eifriger Kirchenchor-Vorsänger, der "alles mit dem angemessensten Ausdrucke" vortrug, aber der junge Mann ließ in seinen sechs Messen das Glaubensbekenntnis zur "unam Sanctam Catholicam et Apostolicam Ecclesiam" weg. Nikolaus Harnoncourt misst dem keine Bedeutung zu (da immer wieder, auch von glaubensfesten Vertretern wie Bach und Haydn, bestimmte liturgische Textstellungen weggelassen oder verändert wurden). Aber kann eine sechsfache Lücke Zufall sein? Auch Schuberts vorletzte Messe, seine von ihm selbst so genannte "Missa solemnis", weist subjektive, unkonventionelle Textänderungen und -weglassungen auf.
Der Einundzwanzigjährige begann das Werk ohne Auftrag 1819, also im selben Jahr wie der Neunundvierzigjährige Beethoven seine "Missa solemnis". Wie dieser mühte sich Schubert jahrelang mit seiner "Festmesse" ab, bis sie vermutlich Ende 1822 - nicht, wie erträumt, im Wiener Stephansdom, sondern in der Alt-Lerchenfelder Kirche, wo sein Bruder Chorleiter war, uraufgeführt wurde. Auch wenn sie schon rein äußerlich hinter Beethovens Gigantenopus zurücksteht, muss sie sich doch nicht verstecken - im Gegenteil: so wie Philippe Herreweghe sie jetzt präsentiert, tritt ihre harmonisch eigenwillige, über weite Strecken höchst leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Messtext eindrucksvoll zu Tage.
Und wie Harnoncourt, dem vor sieben Jahren ebenfalls eine Referenzeinspielung gelungen ist, hat Herreweghe nichts mit dem romantisch missverstandenen, verträumt vor sich her summenden Schubert im Sinn. Allerdings geht Herreweghe weniger emphatisch, weniger gravitätisch zu Werke als Harnoncourt. Durchweg rasche Tempi, vor allem aber eine eminent konturenstarke Orchesterarbeit, die in ihrer Bläserbetonung mitunter harsche Züge annimmt, verhindern jede frömmelnde Biedermeier-Behaglichkeit.
Dies gilt charakteristischerweise auch und gerade für den in dieser Hinsicht eher "gefährdeten" Mendelssohn und dessen Psalm "Wie der Hirsch schreit", der 1837, in der holden Glückseligkeit der Hochzeitsreise geschrieben wurde. Noch mehr als in seiner alten Aufnahme des Psalms forciert Herreweghe hier eine strikt unsentimentale Lesart. Dass diese dennoch - dem Text entsprechend - wie eine Labsal in Tönen daherkommt, liegt an den Vorzeigequalitäten des RIAS-Kammerchores - mit einer Einschränkung: die nahezu einzigartige Homogenität, die das Ensembles ansonsten und bis dato auszeichnete, wird bei Mendelssohn ein wenig durch vibratoselige Altistinnen, bei Schubert durch einzelne hervorstechende Soprane getrübt.
Letzteres trifft insofern auch das vorzügliche, durchweg schlank und klar intonierende Solistenquartett, als Anna Korondi ihrer Partie allzu schrille Opernkonnotationen mit auf den Weg gibt. Dennoch: Der zeit seines Lebens und noch lange danach missverstandene Schubert würde sich bei Herreweghe endlich verstanden fühlen.

Christoph Braun, 19.12.2001



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