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Franz Schubert

Sinfonie in C-Dur D 944

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Roger Norrington

Hänssler/Naxos 93.044
(60 Min., 7/2001, 5/2002) 1 CD

Sir Roger Norrington, Enfant terrible unter den ohnehin unbequemen Historischen Aufführungspraktikern, ist immer für eine Überraschung gut - so auch auf dieser CD: Hat man den Horn-Beginn der langsamen Einleitung von Schuberts großer C-Dur-Sinfonie jemals so rasch und so "unromantisch" non legato gehört? Darf man dieses Werk, Zeugnis für Schuberts Heraustreten aus Beethovens sinfonischem Schatten nach langem Ringen, so lapidar beginnen? Muss die Einleitung nicht die epischen Breiten des ganzen Stücks schon im Kleinen vorwegnehmen und klangsinnig auskosten? Während man darüber noch nachdenkt, hört man Norrington gegen Schluss des Andante (wo die Streicher-Überstimme mit dem Repetitionsmotiv beginnt) das Tempo ein wenig straffen und einen furiosen, in sich ganz organischen Übergang zum Allegro ma non troppo hinlegen, wie er manchen anderen Dirigenten so nicht gelingt. Na ja, kein Kunststück bei der raschen Ausgangsgeschwindigkeit. Dann aber erklingt der schnelle Teil des Eingangssatzes mit seinen "himmlischen Längen" faszinierend aufgewühlt und akzentuiert, dabei detailliert durchstrukturiert und ausbalanciert: Norrington hat hier auch den kritischen Hörer schon fast auf seiner Seite, denn diese Klangflächen-Regie auf nervös pulsierendem Untergrund gelingt mit großer Bravour und Perfektion (es handelt sich um eine Life-Aufnahme!).
So eingestimmt, verkraftet man auch den zweiten Schock beim ungewohnt leichtfüßigen und zügigen Beginn des Andante con moto - der Feuerkopf Leonard Bernstein nahm sich für diesen Satz einst gut drei Minuten mehr Zeit. Ein schnelles Tempo ist, so haben wir in den Jahrzehnten der Historischen Aufführungspraxis gelernt, nicht automatisch ein Qualitätsmerkmal, auch wenn es hervorragend zum Entstauben und Wachrütteln geeignet ist: Erschließt es sich nicht durch die Binnenstruktur der Interpretation, verkommt es zum sportlichen Akzidens ohne eigenen Wert. In dieser Hinsicht jedoch bleibt Sir Roger ein weiteres Mal nichts schuldig: Präzis und engagiert artikuliert das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart nach seinen Anweisungen und nimmt sich zwischen Stakkati und scharfen Akzenten immer wieder auch Zeit zum lyrischen Ausspielen einzelner Linien. So räumt diese Einspielung mit der Erwartung eines langsamen Satzes endgültig auf und gönnt dem Hörer keine Minute Ruhe: Gespannte Aufmerksamkeit statt entspanntem Zurücklehnen. Und wen wundert's jetzt noch: Norrington und das Orchester zaubern auf die Weise weiter bis zum Ende der Sinfonie und bieten auch dem erfahrenen Schubert-Hörer eine Alternativ-Version der C-Dur-Sinfonie, auf die er nicht verzichten sollte.

Michael Wersin, 29.03.2003



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