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Franz Schubert

Winterreise

Matthias Goerne, Alfred Brendel

Decca/Universal 467 092-2
(66 Min., 10/2003) 1 CD

Ein Live-Mitschnitt aus der Londoner Wigmore Hall, auf den man gespannt sein durfte, denn zum einen trafen sich zu dieser "Winterreise" der 36-jährige, hoch gehandelte Bariton Matthias Goerne und der genau doppelt so alte Alfred Brendel, zum anderen sind Live-Mitschnitte dieses gewaltigen Zyklus im dicken Katalog der Einspielungen die klare Ausnahme. Um so begrüßenswerter dieses Unterfangen, da es dem Hörer erlaubt, den Sänger quasi in "Echtzeit" auf seiner langen Wanderung durch die 24 Gedichtvertonungen zu begleiten. Die "Winterreise" bedeutet vor allem für den Sänger einen Kraftakt, und kein Interpret singt den "Lindenbaum" in der gleichen psychischen und physischen Verfassung wie etwa den seelischen Tiefpunkt "Das Wirtshaus" oder den resigniert kraftlosen "Leiermann" am Ende des Zyklus. Bei Studioaufnahmen wird dieser Spannungsbogen aufgebrochen, zwischen den einzelnen Nummern können Kaffeepausen oder gar Tage liegen. Die Konzertsituation nutzt Goerne mit enormer Suggestiv- und Gestaltungskraft. Dabei verfügt er souverän über eine wunderschön dunkel timbrierte und weich modulierte Stimme, mit der er in der Lage ist, auch die hintersten Seelenwinkel des einsamen Wanderers auszuleuchten. Goernes unbedingter Wille zu Ausdruck und Vermittlung, der über schieres Schön-singen-wollen hinausgeht, eint ihn mit seinem Lehrer Fischer-Dieskau, jedoch führt er beim Jüngeren nicht zu jener überharten Deklamation, die bei mancher späteren Einspielung des Altmeisters bisweilen den Eindruck von Pedanterie entstehen lässt.
Alfred Brendel ist - was niemanden wirklich überraschen wird - ein idealer Partner für den jungen Sänger. Sein hochsensibles, differenziertes und dabei sehr zurückhaltendes Klavierspiel verschmilzt aufs Schönste mit dem Gesangspart - und dieses Einvernehmen zwischen den beiden Musikern wird manchmal sogar ganz konkret hörbar, nämlich immer dann, wenn vom Pianisten ein tiefes, wohliges Mitbrummen zu vernehmen ist.

Tilman Stamer, 03.04.2004



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