Die männliche Altstimme, eine Stimme der Könige? Klingt gut, obwohl es die Sache nicht genau trifft: Jugendlichkeit, Heldenhaftigkeit und Übernatürlichkeit gehörten zum Charakter dieser Stimmlage, nicht aber königliche Würde, die man schon immer ebenso gut Bässen zuschrieb. Überhaupt gibt sich diese bookletlose Promo-CD für den jungen Countertenor Matthias Rexroth, der erst vor wenigen Jahren den Sprung von der Oboe zum Gesang vollzog, einen Hauch zu reißerisch. Doch wer will es dem Mann verübeln, dass er es eilig hat auf dem Weg zu den Sternen, zu den ihn einige Juroren und Journalisten schon zählen wollen? Tatsächlich verfügt Rexroth über eine runde volle Stimme mit sicherer, im Pianissimo wunderbar delikat angesteuerter Höhe und klarer tenoraler Tiefe. Nur in dieser Tiefe ist seine Artikulation klar, um so weiter es nach oben geht, verlieren die Vokale an Präzision. Obwohl Rexroth auch pflichtschuldig barockes und klassisches Repertoire von Händel bis Haydn präsentiert, sieht man ihn noch nicht im Sternbild der Alten Musik prangen, sondern eher zu den Sonnensystemen der romantischen Belcantooper driften. Denn bei Händel und Hasse kann er weder sein deutliches (wenn auch tadellos kontrolliertes) Vibrato zu seinem Vorteil anbringen, noch hat er die recht instrumental gedachten Koloraturen dieser Meister wirklich im Griff. Wenn die Töne jedoch wie bei Rossini und Donizetti mit leichtem Legato verbunden sein dürfen, kann Rexroth wunderbare Feuerwerke abbrennen, wie ihm überhaupt das leicht Exaltierte dieser Romantiker vortrefflich steht. Was die Offenbarung anbelangt, von welcher die Berliner Presse laut Cover angesichts des Minzer Orchesters sprach, so wiederholt sie sich hier nicht. Dennoch sind die Weißrussen redliche und stilsichere Begleiter mit warmem Klang und könnten bei einer etwas brillanteren Aufnahmetechnik womöglich noch größere Wirkung tun.

Carsten Niemann, 17.04.2004



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