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Franz Schubert, Franz Liszt

Sonate B-Dur op. posth., 4 Lieder, Mephisto-Walzer Nr. 1

Evgeny Kissin

RCA/BMG 82876 58462-2,
(72 Min., 6/2003) 1 CD

Einen weiten musikalischen Raum durchmisst Evgeny Kissin auf seiner neuen CD, obwohl die Komponisten zeitlich nicht sehr weit auseinander liegen und mit vier Bearbeitungen Schubert'scher Lieder von Franz Liszt auch eine Schnittmenge vorhanden ist. Zwischen der letzten Klaviersonate, die Schubert vollenden konnte, einem Werk des Abgesangs, und Liszts extrovertiertem "Mephisto-Walzer Nr. 1" liegen, das zeigt gerade diese Aufnahme, jedoch Welten.
Kissins Schubert hinterlässt einen zweigeteilten Eindruck. Der erste Satz "Molto moderato", mit 22 Minuten so lang wie die drei übrigen Sätze zusammen, ist bei ihm ein Melodie betontes Stück, und diese Melodien tragen unter Kissins Händen die Spannungsbögen eindrucksvoll und über weite Strecken. Deutlich abfallend dagegen das folgende "Andante sostenuto": Kissin spielt es getragen bis zu einem pathetischen Hinschleppen und bei weitem nicht so innig wie den ersten Satz. Der B-Teil wird sogar mechanisch abgehakt, als sei hier beim Pianisten die innere Verbindung zum Werk abgerissen. Das folgende Scherzo geht Kissin ausgesprochen flink an, auch mit der geforderten "delicatezza", aber es wirkt seinerseits allein stehend, etwas verloren zwischen seiner Umgebung, das Finale "Allegro, ma non troppo" ist eher distanziert als erlebt.
Keine echte Freude auch bei den vier Liedbearbeitungen, eine weitere verwaschen-schmachtende Version des "Ständchens" ist keineswegs von Repertoirewert, und in "Wohin?" wirken die Wasser ("Ich hört’ ein Bächlein rauschen ...") trotz rasch gebrochener Akkorde eher zähflüssig. Das Argument, dass es sich schließlich um Liszt-Versionen handelt, mag am ehesten noch bei den reichlich ausgeschmückten Stücken nach "Das Wandern" und "Aufenthalt" verfangen, und Kissin erstellt hier mit seinem warmen, vollen Ton dementsprechend plüschige Salonpiecen.
Die Überraschung kommt zum Schluss, denn hier ist Kissin von der ersten Note des "Mephisto-Walzers" an ganz bei der Sache und liefert einen Liszt, der rast und hämmert, schmeichelt und verführt und bei dem die Virtuosität als das Blendwerk eingesetzt wird, als das sie hier gedacht ist. Hell-dunkel-Kontraste setzt Kissin zu einem Kabinettstück zusammen, die weit über das zuvor Gehörte hinausgehen.

Matthias Reisner, 10.07.2004



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