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Franz Schubert, Hugo Wolf

Brigitte Fassbaender, Lieder Vol. II

Brigitte Fassbaender, Erik Werba, Wolfgang Sawallisch, Chor der Bayerischen Staatsoper, Capella Bavariae

EMI 562 980-2
(76 Min., 1973, 1974, 1977, 1979) 1 CD

O goldene Zeit des Liedgesangs, als sich seine Protagonisten noch einen unverwechselbaren, markanten Personalstil erlaubten! In unseren Tagen, wo die Maximen der historisierenden Aufführungspraxis auch die Liedinterpretation nicht unberührt gelassen haben, scheint eine deutlich objektivere Art der Gestaltung das Bild zu bestimmen als noch vor etwa 25 bis 30 Jahren, als die Aufnahmen der vorliegenden CD entstanden.
Freilich, wer etwas wagt, macht sich angreifbar und setzt sich der Gefahr aus, schon für die nächste Hörergeneration nur noch ein Stück Geschichte zu sein: Sind nicht Brigitte Fassbaenders Versionen von Schubert-Miniaturen wie "Seligkeit" oder "Es war ein König in Thule" typische Beispiele für gnadenloses "overacting"? Darf man unbetonte Nebensilben für Crescendi missbrauchen, soll man auf langen Noten die Stimme in so sattes Vibrato ausschwingen lassen, und ist es geschmackvoll, das bereitwillige Einspringen des vollen Brustregisters in der unteren Lage so hemmungslos zuzulassen? Und, kein Zweifel, bei Brigitte Fassbaender klingt vieles unweigerlich nach "Zigeunerlied", auch wenn es von diesem Genre eigentlich Lichtjahre entfernt ist. Schnell provozieren solche Gestaltungsmittel den bösen Vorwurf des "Bänkelgesangs".
Aber andererseits: Kann man Schuberts reizendes "Ständchen" (D 921) für Alt und vierstimmigen Chor aufrüttelnder und begeisternder vortragen, als Fassbaender es auf dieser CD tut (beide hier enthaltenen Versionen, die mit den Damen des Bayerischen Staatsopernchores und die mit vier Herren des BR-Chores sind gleichermaßen hörenswert)? Und wer auch bei Schubert - den man heute hinsichtlicht des angemessenen Interpretationsansatzes mehr als Spätausläufer der Klassik denn als frühen Romantiker zu verstehen gewohnt ist - seine Zweifel nicht ganz auszuschalten vermag, der wird unumwunden zugeben, dass man etwa den Anfang von Hugo Wolfs "Der Genesene an die Hoffnung" schlichtweg nicht vollkommener darzubieten vermag, als Brigitte Fassbaender dies 1979 getan hat. Und wohl kaum jemand könnte für "Um Mitternacht" betörendere Farben finden, könnte für die Bögen dieses Liedes die Balance zwischen intensivierendem Zupacken und nachlauschendem Geschehenlassen besser finden als sie. Was für Schätze schlummern noch in den EMI-Archiven! Diese CD-Premieren jedenfalls stehen den lang erwarteten und letztes Jahr als "Lieder Vol. I" endlich wieder veröffentlichten "Zigeunerliedern" Brigitte Fassbaenders an Bedeutung in nichts nach.

Michael Wersin, 24.07.2004



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