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Franz Schubert

Sämtliche Sinfonien Nr. 1 - 8

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Hans Zender

Hänssler/Naxos 93.120
(1996, 2004) 4 CDs

Spätestens seit seinen "Schubert-Chören" und der "komponierten Interpretation" der "Winterreise" war offenkundig: Hans Zender hat ein besonderes Verhältnis zu Schubert. Der seinem Wesen nach eher analytisch-trockene 68-Jährige, der sich seit den 70er Jahren als Komponist wie als Dirigent (als langjähriger Chef des RSO Saarbrücken) einen Namen gemacht hat, gerät bei Schubert ins Schwärmen. Gerade uns, so Zender nun im booklet seiner Symphonien-Einspielung, spreche Schuberts - geradezu "heilsame" - Musik an, weit mehr als noch die Zeitgenossen des Komponisten, die überfordert waren von der eigenartigen Fähigkeit dieser "gebrochenen" Kunst, gleichermaßen in schwärzeste Abgründe wie paradiesische Traumgefilde zu blicken.
Wer bislang (noch immer) glaubte, auf symphonischem Terrain diesen spezifisch Schubert'schen Ton erst in der "Unvollendeten" und in der "großen C-Dur-Symphonie" (nach der neuen, letztgültigen Schubert-Ausgabe die Nummer 7 bzw. 8) finden, mithin die ersten sechs Schöpfungen als lässliche "Jugendwerke" abtun zu können, der sollte sich durch Zenders ebenso detailbesessene wie emphatische Lesart eines besseren belehren lassen. Natürlich sind vor allem an der Themenbildung dieser Werke des 16- bis 20-Jährigen Mozart und Haydn dingfest zu machen, ganz ebenso wie das übermächtige Vorbild Beethoven (im c-Moll-Opus), mit dessen gleichzeitig und ebenfalls in Wien entstehenden Gattungsbeiträgen sich Schubert nolens volens auseinanderzusetzen hatte. Aber das Eigene, Unverwechselbare ist weit stärker präsent als das Epigonale. Dies jedenfalls beweist Zenders Aufnahme, die Schuberts Auseinandersetzungen als ernstes, aufwühlendes Ringen um das persönliche (symphonische) Idiom verstehen - und eben nicht (wie sonst so oft) als harmloses Probieren eines Jugendlichen, der in gehörigem Respekt zu den "Großen" sich noch nicht richtig traut.
So überrascht nicht nur die Vehemenz, mit der die SWR-Musiker jedes "forte" angehen (wobei das bei aller Klarheit sonore, basslastige Klangbild hier ein übriges tut). Man staunt vor allem über Zenders Vermögen, den jungen Schubert als Sänger vorzustellen: so ausgeklügelt phrasiert und dynamisiert hört man Themen und Motive etwa der Dritten, Vierten oder Siebten allenfalls noch bei Carlos Kleiber. Apropos "Unvollendete": Zenders drängende, pulsierend-unruhige Lesart gehört zu den aufregendsten unter den neueren, nicht eben seltenen Einspielungen. Und kaum jemand modelliert jene Kontraste zwischen abgründigster Verzweiflung und sehnendem Paradiestraum schroffer. Dass auch noch die kleinste Begleitfigur dreiklangbrechender Violinen atmend dynamisiert wird - solche Meriten des Dirigenten sind wohl dem Komponisten Zender geschuldet, dem komplexe Partituren mit genauesten Klangvorstellungen sozusagen eigenhändig vertraut sind.
In der, wie neueste Forschungen belegen, noch vor dem h-Moll-Werk verfaßten Achten (der bisherigen Neunten also) überrascht Zender mit forschen Tempi, während er sonst eher gemäßigte anschlägt. Er wagt sich in den Temporelationen (etwa von Einleitungs-Andante und -Allegro) nicht so weit vor wie sein Rundfunkkollege Michael Gielen oder auch Charles Mackerras; und leider verzichtet auch er nicht auf ein Schlußritardando des ersten Satzes (man höre sich da nur die Radikalität Toscaninis an!); dies mindert jedoch kaum den Eindruck, hier einem fulminanten Sturm- und Drang-Drama beizuwohnen - und Schuberts strahlendem Stolz darüber, sich endlich von jenen Vorbildern verabschiedet zu haben. Aufnahmetechnisch bleibt allenfalls noch die Frage, warum das Schlußallegro ungleich rauher und schärfer geraten ist als die drei ersten Sätze.

Christoph Braun, 20.11.2004



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