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Franz Schubert

Winterreise

René Kollo, Oliver Pohl

Oehms Classics/Codaex OC 904
(65 Min., 2/2003) 1 CD

René Kollo lässt uns nicht allein mit seiner unkonventionellen Darbietung der Winterreise. Im Beiheft versucht er, seine Sicht dieses Dramas, die dem Hörer einen "neuen Zugang" zu Schuberts Zyklus eröffnen soll, zu erklären: Es handelt sich um die "zornige Flucht eines Mannes, der, bedrängt von sozialen Unterschieden, den Ort seiner Liebe verlässt". Das kann man im Großen und Ganzen so akzeptieren; tatsächlich war Wilhelm Müllers fahrender Waldhornist ebenso wenig zur friedlichen Existenz innerhalb einer biedermeierlich-spießigen Bürgerschaft geeignet wie Franz Schubert - wenn auch die missglückte Liebesbeziehung sicher nur einen von vielen Aspekten dieser Entfremdungserfahrung ausmacht. Dass der Flüchtling im weiteren Verlauf seiner Reise dann aber angeblich "in seinen Erinnerungen nach Anhaltspunkten für ein neues Leben sucht" und seine Stimmung dabei "eher hell und hoffnungsvoll" ist, muss man doch als sehr kühne Deutung bezeichnen: Selbst wenn man sämtliche hier verarbeiteten romantischen Topoi von der Fahrt ins ewige Eis oder vom qualvollen Umherirren als zum endlosen Weiterleben Verurteilter außer Acht lässt, bleibt es schwierig, beispielsweise der "Krähe" eine positive Perspektive abzugewinnen, in der ein lauernder Aasvogel dem Wanderer in jener unverbrüchlichen Treue zur Seite steht, die die einstige Braut vermissen ließ. Insgesamt scheint auch das Element der Todessehnsucht, das für Kollo erklärtermaßen nicht "im Vordergrund" steht, bei Liedern wie "Der greise Kopf" und "Das Wirtshaus" nur sehr schwer zu überhören.
Aber geschenkt: Ein jeder soll sich seine eigene Winterreise zurechtlegen, schließlich stellen auch Teile der Literaturwissenschaft Schubert unter Anklage, weil er den bei Müller angeblich positiven Ausblick am Schluss des Zyklus - der Wanderer findet aus der Erstarrung heraus zu künstlerischer Produktivität, indem er zusammen mit dem Leiermann von seinem Unglück singt - unverständig in larmoyantes Elend verkehrt habe. Man mag auch Kollos harschem, oft ungelenk-holzigen und von zu tiefer Intonation versauerten Gesang in Bariton-Lage noch mit Nachsicht begegnen, schließlich hat der Mann ja auf dem Gebiet der Wagnerinterpretation Großes geleistet und darf nun rechtschaffen stimmlich ermüdet sein (aber vielleicht auf dieser Basis nicht unbedingt einen neuen Start als Liedinterpret versuchen?). Unverzeihlich hingegen ist Kollos gleichgültiger Umgang mit dem Notentext der Winterreise: Sein Vortrag ist gepflastert mit falschen Tönen und vor allem falschen Rhythmen - und das ist nicht alles: Als der Rezensent Kollo im "Rückblick" singen hörte: "die Krähen warfen Bäll und schossen auf meinen Hut ..." (statt "warfen Bäll und Schloßen", also Hagelkörner), hat er kurz überlegt, ob er sich diese Schlamperei überhaupt weiter anhören soll. Er hat Kollos Winterreise dann doch bis zum Ende ertragen und sich weiter über zahllose musikalische Fehler gewundert, dabei Oliver Pohl bedauernd, der diesen Jammer wacker am Klavier begleitet.

Michael Wersin, 05.03.2005



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