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Franz Schubert

Klavierquintette

Thomas Adès, Arditti Quartet, Belcea Quartet u.a.

EMI 5 57664 2
(61 Min., 7/2002) 1 CD

Das Display zeigt die zwanzigste Spielminute, um genau zu sein, deren nahendes Ende, und gebannt wartet man (so nicht zuvor die Neugier größer ward und der Blick sich ins Booklet unanständig verirrte) auf den Fortgang der Dinge. Doch, ach, die Dinge wollen nicht weiter. Das Stück endet, und es endet, man kann das nicht anders sagen, abrupt. Einfach so. Plötzlich. Unvermittelt. Schluss. Aus. Basta così. Ja, und dann sitzt man da ein bisschen verdattert in seinem Hörsessel, denkt über das gerade Geschehene nach, lässt, weil die Unsicherheit doch beträchtlich ist, das ganze Opus noch einmal oder, wir gestehen es, auch zwei- und dreimal an sich vorüberziehen, und ist am Ende wieder genau so schlau als wie zuvor. Ein Mirakel, dieses Klavierquintett des britischen Postmodernen Thomas Adès, ein Phantom, darin anderen Stücken, die der Darling der Insel-Szene bis dato verfasste, nicht eben unähnlich. Ist einfach nicht zu fassen, dieser Jungspund; ätherisch mutet sein Wesen an, ätherisch seine Musik. Dass sie voller Eklektizismen steckt, ist ja bekannt. Aber wohin mit den Klängen, die sich entziehen? In welche ästhetische Kategorie? Und, weit wichtiger noch, wie überhaupt, um der Gerechtigkeit und des Himmels Willen, soll man das alles nun bewerten?
Es ist, mit einem Wort: schwierig. Immerhin eines lässt sich sagen: Das Stück fesselt, auch in dieser luziden Interpretation durch den Schöpfer selbst am Pianoforte und den vier Ardittis an seiner Seite, nicht. Es ist spröde, lakonisch, selbst in seinen katastrophischen Zuspitzungen will es nicht zum Herzen drängen. Ist es deswegen cool, dieses Stück? Intellektuell unangreifbar? Oder gar, was schlimm wäre, verwerflich? Verschenkt? Nein, das wohl nicht. Das einsätzige Modell ist konsequent durchdacht: verkappte Sonatenhauptsatzform. Tonale Keimzellen, die sich als kantige Thementypen hinausbegeben in die Welt. Dort verwandeln sie sich, ändern ihre Gestalt, ihre Mimik, tun mithin etwas, was in der Musik seit Monteverdi durchaus nicht selten ist. Die Frage ist eben nur, wie die Verwandlung, heute verwendet man stilisierend gerne auch den Begriff der Metamorphose, vonstatten geht. Bei Adès geht sie kunstreich und schlicht zugleich vonstatten. Aber das Kunstreiche und Schlichte fügt sich nicht zusammen zum Kohärenten oder Kommensurablen. Es weicht aus, sich selbst und dem Hörer. Zwei Schläge immerhin, die berühren uns, denn sie schlagen immer wieder zu, und sie erinnern an Schubert, an ein spätes Streichquartett, das in G-Dur. Womit dann der Bogen glücklich und mit allergrößtem Geschick zum zweiten auf dieser CD versammelten Stück geschlagen wäre. Schubert, das wegen eines thematischen Manövers, wenn wir das einmal so nennen dürfen, so benannte "Forellen"-Quintett. Es wäre zu einfach, würde man nun sagen: Das ist endlich Musik. Das ist hohe Kunst. Aber es ist nun einmal manchmal so einfach im Leben. Schubert gegen Adès, das ist ein ungleiches Duell. Allerdings, dies sei konzediert, der Pianist Thomas Adès zeigt sich hier mit einem aufgeklärten, technisch erhabenen Spiel als wahrer Tastenmeister. Und seine Mitstreiter, als da sind Corina Belcea, die außerordentlich schöne Belcea-Quartett-Primaria, ihre Belcea-Quartett-Kollegen Krzysztof Chorzelski (an der Viola) und Alasdair Tait (am Violoncello) sowie der Kontrabassist Corin Long, sie alle betören durch eine Hingabe an dieses himmlische Stück Musik, die nach rund fünf Minuten das andere Werk in den Hintergrund gerückt haben. Und so siegt am Ende immer die Gerechtigkeit.

Jürgen Otten, 09.07.2005



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