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Franz Schubert

Nacht und Träume

Timothy Sharp, Verena Louis

Roner Records 003 (Amphion amph 50150)/Musikwelt
(61 Min., 10/2004) 1 CD

Timothy Sharp, Bariton, zum Zeitpunkt der Aufnahme dieses Programms 33 Jahre jung, hat sich keineswegs die leichtesten Lieder Franz Schuberts ausgesucht: "Nacht und Träume" etwa ist eine überaus heikle Mezza-Voce-Studie, die schon häufig mittelmäßig bis schlecht eingespielt wurde. Nicht so von Timothy Sharp: Er hat seine wunderbar weiche, angenehm dunkle und doch niemals künstlich abgedunkelte Stimme hier erstaunlich perfekt unter Kontrolle; nirgends gibt es im genannten Lied Probleme mit dem Registerausgleich, niemals löst sich die Kopfstimme von der Basis, niemals nimmt Sharp zuviel Brustregister mit in die Höhe. Ähnlich vollkommene Pianissimi sind auch im vorausgehenden "Abendstern" zu hören. Hier und da in anderen Liedern, so etwa im zauberhaften "An den Mond" nach Hölty, hätte Sharp sich noch weiter in dieselbe Richtung voranwagen können - nun ja, wenn auf so hohem Niveau musiziert wird, dann wächst auch gleich das Begehren des Hörers. Zu den technisch höchst anspruchsvollen Titeln der CD gehört auch das "Nachtstück" nach Mayrhofer, der Gesang eines alten Mannes, der mit seiner Harfe in den Wald geht und dort, inmitten der freundlich gesonnenen Natur, seinen Tod erwartet. Innerhalb der großen melodischen Bögen dieses Liedes, die sich in unbequemer Bruchlage bewegen, klingt Sharp ein wenig angestrengt - hier liegt eine noch nicht ganz erfüllte Hoffnung für seine sängerische Zukunft. Prachtvoll gelungen hingegen die beiden Versionen von Goethes "An den Mond" (D 296 und D 259), die diese Liederfolge einrahmen - eine sehr sinnvoll zusammengestellte Liederfolge übrigens zur romantischen Nacht-und-Träume-Thematik; im Beihefttext, in dem Sharp selbst seine fundierte Vertrautheit mit dem Sujet unter Beweis stellt, fehlt der Hinweis auf Novalis' "Hymnen an die Nacht" nicht, die zu den zentralen dichterischen Bekenntnissen jener Zeit über das Nächtliche und seinen Zauber zählen. Woher kommt nun dieser Sänger mit englischem Namen, aber brillantem Deutsch (die jederzeit hervorragende Textverständlichkeit gehört übrigens zu den Hauptmerkmalen seines Liedgesangs), der bisher auf dem CD-Markt keine Rolle gespielt hat? Er ist der Sohn der Sängerin Norma Sharp und gleichzeitig ihr Gesangsschüler, geboren in Augsburg und aufgewachsen in der Pfalz. In der Oratorienszene hat er sich bereits einen Namen gemacht, u. a. bei Dietrich Fischer-Dieskau hat er Meisterkurse besucht. Auf der Opernbühne hat er auch gestanden; für einen Durchbruch zu größerer Popularität scheint das Lied-Repertoire sehr geeignet.

Michael Wersin, 01.04.2006



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