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Franz Schubert

Streichquintett C-Dur D 956, Streichquartett Es-Dur D 87

Vogler Quartett, Daniel Müller-Schott

Hänssler Profil/Naxos PH 05051
(75 Min., 10/2004) 1 CD, Live-Aufnahme

Im Grunde kann ein Ensemble, das letztes Jahr sein 20-jähriges Jubiläum feierte, nicht mehr "jung" genannt werden. Und doch fällt das Vogler-Quartett noch unter jene Kategorie, denn Quartette benötigen mehr als alle anderen Formationen eine lange Reifungszeit, um die höheren Weihen dieser ehedem vornehmsten und herausfordernsten Musizierform zu erreichen. Das 1985 von Studenten der Berliner Eisler-Hochschule gegründete Ensemble stellt diese höheren Weihen seit einigen Jahren nicht nur mit stupender Technik und makellosem Ensemblespiel unter Beweis, es kann auch eine eigene "Handschrift" - seinen außergewöhnlichen Sinn für Klangnuancen - vorweisen.
Gerade dieses Gespür für Farbschattierungen - in den Einzelstimmen wie auch im dynamisch höchst ausgefeilten Mit- und Gegeneinander - prädestiniert das Vogler-Quartett förmlich für Schuberts Seelenanalytik. In der Tat gerieten den vier Herren im Verbund mit dem jungen Münchener Cellisten Daniel Müller-Schott im C-Dur-Quintett Momente filigranster Schönheit, so etwa beim Eintritt des Es-Dur-Seitenthemas im Eröffnungssatz, das die beiden Celli in vollendet schlankem Instrumentalgesang anstimmen oder beim gespenstischen Trio-Mittelteil des Scherzos, dessen Akkord-Stillstände subtiler nicht ausgehört werden können.
Überhaupt steht - nicht nur beim sphärischen E-Dur-Adagio - das Intime, Zerbrechliche und komplementär dazu das Melancholische und Todesängstliche eigenartigerweise im Zentrum der Schubert-Exegese der Musiker. Zwar trumpfen sie in den Scherzo-Eckteilen durchaus kraftstrotzend auf (und auch die "Zugabe" der Voglers, Schuberts jugendliches, noch ganz Haydn und Mozart verpflichtetes Es-Dur-Quartett, kommt durchaus mit direktem, natürlichem Ton daher), en gros aber überwiegt der psychologisch-überfeinerte, sentimentalische Zugriff. (Leider verstärkt ein Übermaß an Hall in der Live-Aufnahme noch diesen Eindruck des Verträumt-Romantischen.)
Nicht dass dies das einzigartige Werk aus Schuberts Todesjahr über Gebühr verfremdeten würde, aber wer alte Aufnahmen z. B. mit Stern/Casals oder Heifetz/Piatigorsky oder auch neuere wie die der Emersons/Rostropowitsch zum Vergleich heranzieht, der erkennt: Schubert war mehr als ein vom Tod gezeichneter Melancholiker. Er war auch einer, der sich mit Vehemenz, mitunter auch Verzweiflung und manch derber Geste (und nicht zuletzt mit zügigeren Tempi!) dem Leben zuwandte. Dies kommt bei den Voglers zu kurz. Insofern waren und sind jene Alten um einiges wilder als ihre auf subtilen Schönklang bedachten Schüler und Enkel.

Christoph Braun, 18.02.2006



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