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Henry Desmarest

Vénus & Adonis

Karine Deshayes, Sébastian Droy u.a., Les Talens Lyriques u. Chor de l´Opéra national de Lorraine, Christophe Rousset

Ambroisie/Harmonia Mundi 127
(133 Min., 4/2006, 5/2006) 2 CDs

Wenn das keine Künstlerbiografie ist. Kaum hatte es der Knabe Henry Desmarest in den musikalischen Zirkel von Ludwig XIV. geschafft und stimmgewaltig bei einer Lully-Uraufführung mitgewirkt, bezog er als aufstrebender Komponist seine Nebeneinkünfte schon mal als Ghostwriter. Als er für einen überforderten Abbé Goupillet Motetten schrieb, die für die königliche Kapelle bestimmt waren. Und nachdem der liebestolle Desmarest (1661-1741) sich schließlich eine Schülerin geschnappt und entführt hatte, wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt. In Paris soll sein Bildnis vom Galgen gebaumelt haben, während Desmarest fortan sich in Lothringen als Hofmusiker einrichtete. Zur Persona non grata wurde Desmarest zumindest im Pariser Musikleben nicht. Aus sicherer Entfernung erfuhr er, dass neben zwei weiteren Tragédies lyriques 1705 auch der Fünfakter "Vénus & Adonis" wieder auf dem Spielplan stand. Nach der erfolgreichen Uraufführung 1697 in der Pariser Académie Royale de Musique.
Das wilde Herzklopfen in dieser antiken Beziehungsgeschichte ohne Happy End inszenierte Desmarest mit einer durchgehenden Anmut, Delikatesse und Ernsthaftigkeit im Lyrischen. Und dass Desmarest anscheinend nicht die gesamte Bühnentechnik in Anspruch nahm, um wie zu Beginn des fünften Aktes ein grausames Monster zum Leben zu erwecken, unterscheidet ihn auch von Lully und später von Rameau. Die Weltersteinspielung, die 2006 anlässlich der Aufführungen in der Opéra national de Lorraine entstand, kann daher einen bislang kaum beachteten Blickwinkel auf die Gattung der Tragédie lyrique bieten – weil in ihr jetzt das theatralische Feuer fernab aller Effekthascherei lodert. Nicht ganz unschuldig an diesem Eindruck ist selbstverständlich das Team, das Dirigent Christophe Rousset um sich versammelt hat. Sämtliche Solisten lassen die melodischen Linien aufblühen, es steckt in den feinnervigen Deklamationen reichlich Gefühl, Schmerz und Sehnsucht. Die Intonationssicherheit des Chores ist schlackenlos. Und Roussets Les Talens Lyriques lassen mit ihrem gewohnt nuancenreichen Zugriff erst recht keine Zweifel darüber aufkommen, dass es sich hier um eine außerordentliche Entdeckung handelt.

Guido Fischer, 07.12.2007



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