Wahrlich kein Repertoirestück ist Sergej Rachmaninows "Geiziger Ritter", entstanden im Jahre 1904 auf der Basis einer der "Kleinen Tragödien" von Puschkin: Der Mangel an äußerer Handlung vor allem macht das Stück, positiv gesagt, zu einer Herausforderung für den Regisseur und die Interpreten. Für die vorliegende Produktion, die im Sommer 2004 in Glyndebourne über die Bühne ging (und dort live mitgeschnitten wurde), konnte diese Aufgabe brillant gelöst werden: Mit Sergej Leiferkus fand man einen Sänger für die Titelpartie, der in der Lage war, den fast unsingbaren 25-minütigen Kernmonolog des Stückes stimmlich wie darstellerisch brillant zu bewältigen. Angetan mit einem mottenzerfressenen Kostüm, das das Zerfressensein vom Geiz aussagekräftig versinnbildlicht, wagt er ein Porträt des geizigen Barons, das an Prägnanz kaum zu überbieten ist. Keine der kranken Gefühlsregungen dieser besessenen Figur ist ihm zu scheußlich oder zu widerlich, jede Nuance des hässlichen Innenlebens der Titelfigur spiegelt sich in den Gesichtszügen des Sängers wider und findet ihre vokale Entsprechung.
Die Regisseurin Annabel Arden gesellt der Sängerbesetzung - welch genialer Kunstgriff - eine Artistin bei, die den starken, abstrakten Begriffen des Textes wie "Geiz" oder "Armut", in der russischen Sprache oft feminin, Gestalt verleiht; sie windet sich an einem Seil ein Stück über der Szenerie oder kauert in schwach beleuchteten Ecken, mit ihren Bewegungen und ihren Gesichtszügen die jeweilige Befindlichkeit der handelnden Personen zum visuellen Erlebnis machend.
Albert Schagidullin, der Darsteller des Herzogs, präsentiert sich mit seiner überaus kraftvollen und opulenten, warm timbrierten Bassstimme als ebenbürtiger Partner Sergej Leiferkus'; der Tenor Richard Berkeley-Steele in der Rolle des unglücklichen Sohnes des Barons fällt stimmlich deutlich ab, denn gesangstechnische Unebenheiten sind ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Großartig dagegen die Leistung des London Philharmonic Orchestra unter Leitung des jungen Russen Vladimir Jurowski, der außerdem im beigegebenen Interview interessante Einblicke in das Werk, seine Geschichte und sein Umfeld gibt.

Michael Wersin, 26.05.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top