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Sergei Rachmaninow

Suites pour piano

Claire Chevallier, Jos van Immerseel

Zig Zag Territoires/Note 1 ZZT061105
(73 Min., 7/2005, 11/2005) 1 CD

Den einen ist sie eine Freude, den anderen ein Graus: Die Musik Sergej Rachmaninows spaltet nach wie vor die Klassikliebhaber und auch die Profis in angewiderte Gegner und beglückte Befürworter. Immerhin hat die Musikwissenschaft mittlerweile festgestellt, dass Rachmaninows Musik doch nicht so primitiv gemacht ist, wie man lange Zeit hochmütig behauptet hat: Wer die süffigen Klänge des melancholischen Russen liebt, so wurde gewöhnlich verächtlich konstatiert, habe eben keine Ahnung von richtiger Musik, wie sie sich für den Anfang des 20. Jahrhunderts gehöre – mindestens wie Strawinsky müsse das klingen, besser noch wie Schönberg. Das kann man bei ernsthafter Betrachtung heute so nicht mehr stehen lassen. Immerhin mochte nie jemand bestreiten, dass Rachmaninow ein großartiger Klaviervirtuose war – aber gerade das machte ihn auch eher verdächtig.
Virtuosität ist, gepaart mit elegischer Melodik und dichter, fülliger Harmonik, auch ein Merkmal der beiden "Suiten für zwei Klaviere", die Rachmaninow 1893 und 1901 komponierte. Die aberwitzige "Tarantella", die die zweite Suite beschließt, stellt mit ihren schnellen Tonrepetitionen hohe Anforderungen an das technische Können beider Interpreten; die nicht nur durch den Walzerrhythmus, sondern vor allem auch durch fortlaufende Achtelbewegungen geprägte "Valse" exponiert in ihrem ruhigeren Mittelteil eine mitreißend schwermütige und gleichzeitig doch auch erhebende Thematik. Jos van Immerseel und Claire Chevallier haben zur Interpretation der Stücke zwei Erardflügel von 1897 bzw. 1905 ausgewählt, Instrumente also, die etwa zur Entstehungszeit der Suiten gebaut wurden. Der im Vergleich zum Steinwaysound rauchigere, gedecktere Klang überrascht zunächst (vor allem, wenn man solche Flügel noch nie gehört hat) – scheint durch ihn doch die gewohnte Brillanz der Stücke ein wenig verloren zu gehen. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die sehr ruhigen Tempi: Martha Argerich und Gabriela Montero z. B. benötigten für die erwähnte "Valse" in ihrer (allerdings stellenweise etwas verhudelten) Aufnahme von 2005 fast eine volle Minute weniger (bei einer Gesamtspieldauer von fünfeinhalb bzw. sechseinhalb Minuten)! In puncto Tempo freilich kann man Immerseel und Chevallier keinen Vorwurf machen: Sie halten sich exakt an Rachmaninows Metronomangaben, interpretieren also auch in dieser Hinsicht streng historisch. Was den Klang angeht, so ist vielleicht eine gewisse Einhörzeit erforderlich, um das weichere Timbre gegenüber dem weit aggressiveren Steinwayton schätzen zu lernen. Nimmt man sich diese Zeit, dann offenbaren die Stücke durchaus neue Nuancen von einer allgemein sanfteren, weiträumigeren Klanglichkeit bis hin zu einer in anderen Aufnahmen so nicht zu erlebenden lyrischen Qualität, einer Art von schlichter Verträumtheit, die frei ist von allzu dick aufgetragenem Schmachtfetzenpathos. Insgesamt fühlt man sich ein wenig erinnert an Rachmaninows Aufnahmen eigener Werke (von diesen Stücken gibt es leider keine), deren unprätentiös-nüchterne Grundhaltung übrigens schon so manchen Rachmaninowkritiker zumindest zum Nachdenken gebracht hat.

Michael Wersin, 21.04.2007



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