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Maurice Ravel

Die Klavierkonzerte, Valses nobles et sentimentales

Krystian Zimerman, Cleveland Orchestra, London Symphony Orchestra, Pierre Boulez

Deutsche Grammophon 449 213-2
(55 Min., 11/1994, 7/1996) 1 CD

Der Apolliniker und der Dämoniker - diese beiden für ihn charakteristischen Seiten vereinte Maurice Ravel in seinen zwei Klavierkonzerten, seinen letzten größeren Kompositionen. Perfektionistischer Bastler, der er war, stellte sich Ravel die Aufgabe, die beiden völlig entgegengesetzten Werke parallel zu entwerfen und zu vollenden - das hintergründig heitere G-Dur-Konzert mit seinen Chanson- und Jazzanklängen und das stürmisch-aufgewühlte Opus in D-Dur für die linke Hand.
Krystian Zimerman zeigt, dass er Ravel ebenso überzeugend beherrscht wie Debussy und Liszt - und das nicht nur mit Perfektion, sondern mit Herzblut. Den Kopfsatz des G-Dur-Konzerts geht er verhalten, fast nachdenklich an, den Divertissement-Charakter dabei abschwächend, die wichtigen Blues-Elemente dafür besonders betonend. In aller gebotenen messerscharfen Rasanz präsentiert er den motorischen Schlusssatz, weniger verspielt als gewöhnlich, maschinenhaft-bedrohlich eher. Das Adagio schließlich, eines der schönsten Lieder ohne Worte der Musikgeschichte, erklingt, wie es klingen soll: wie aus einem Guss, unsentimental, dezent ausgesungen (das ist übrigens wörtlich zu nehmen - oder ist es Boulez, der hier vernehmlich mitsummt?).
Das aufgewühlte Konzert für die linke Hand meistert Zimerman mit vehementer Attacke, geradezu “dreihändiger” Bravour, ohne dabei die todesdunkle Melancholie zu unterspielen. Hat man die abschließende gigantische Kadenz jemals himmelstürmender vernommen? Leider spielt das Orchester ausgerechnet bei diesem Werk nicht mit; es bleibt blass, pauschal, ohne Höhepunkte - trotz extrem ausgeloteter Dynamik. Einige kostbare Details bleiben hoffnungslos unterbelichtet. Hier zeigt sich, dass die Musiker aus Cleveland, die beim G-Dur-Konzert das Orchester stellen, doch ein anderes Kaliber sind als die allzu vielbeschäftigten Londoner Sinfoniker.
An Boulez jedenfalls wird es nicht liegen, denn er unterstreicht in den anderen Werken seinen hohen Rang als Ravel-Interpret, vor allem in seiner glasklaren, taghellen, weder geglätteten noch überzogenen Interpretation der “Valses nobles et sentimentales”, in der jedes Detail an seinem Platz sitzt und das Ergebnis trotzdem ungleich mehr ist als die Summe der Details.

Thomas Schulz, 30.06.1998



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