Viermal bewarb sich Maurice Ravel in den Jahren 1901 bis 1905 um den Rompreis, zunächst wegen des damit verbundenen Stipendiums; später dann, um als bereits erfolgreicher Komponist diese ihm gemäß seiner außerordentlichen Begabung eigentlich zustehende Trophäe noch "mitzunehmen". Er scheiterte in allen vier Fällen, 1905 wurde er nicht einmal mehr zur letzten Runde zugelassen. Dreimal hatte er zuvor diese letzte Runde erreicht und dafür die Kantaten "Myrrha" (1901), "Alcyone" (1902) und "Alyssa" (1903) komponiert. Endlich wurde mit der Einspielung dieser drei Stücke eine Lücke im Ravel-Katalog geschlossen.
Wer nun allerdings Musik wie in "Daphnis und Chloé" oder gar "L'enfant et les sortilèges" erwartet, der wird enttäuscht sein: Galt es doch beim Rompreis eher, den Geschmack der Jury zu treffen, zu der Komponisten wie Massenet und Saint-Saëns gehörten. Außerdem boten die grotesken, mythologische Themen behandelnden Textbücher, die von der Jury per Losziehung zugeteilt wurden, zwar Möglichkeiten zur dramatischen Entfaltung, hatten aber herzlich wenig mit Ravels künstlerischen Interessen zu tun.
So wenig Glück die drei Kantaten Ravel gebracht haben: Das Team um Michel Plasson scheint viel Spaß bei den Aufnahmen gehabt zu haben. Mireille Delunsch, Véronique Gens und Yann Beuron adeln das bisher vernachlässigte Repertoire durch engagierte, stimmlich und interpretatorisch höchst niveauvolle Darbietung. Das klanglich hervorragende, von Michel Plasson gut geführte Orchester liefert dazu einen plastischen, differenzierten orchestralen Untergrund. Eine gelungene späte Würdigung der vergeblichen Mühen Ravels.

Michael Wersin, 14.11.2002



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