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Europeana

Joachim Kühn

ACT/Edel Contraire ACTSACD 9804-2
(59 Min., 1995) 1 CD

Mit der Titelei ist es mitunter so eine Sache: Wen gilt es auszuloben, den Hauptsolisten oder den Arrangeur und Chef d'Orchestre? Bei Europeana, dem als große Orchestersuite angelegten Reigen von 13 alten Volksliedern aus acht europäischen Ländern hat sich der Produzent Siggi Loch, der auch die Idee zu diesem Werk hatte, für Joachim Kühn, den Hauptsolisten, entschieden - nicht ohne sogleich im Untertitel "Jazzphony No. 1 by Michael Gibbs" anzufügen.
Sei’s drum; jedenfalls handelt es sich bei dieser Musik um ein Werk von singulärer Wucht. Bei seiner Erstveröffentlichung 1995 erhielt es prompt den Preis der deutschen Schallplattenkritik, und auch heute hat es von seiner Faszination nichts eingebüßt, selbst wenn man sich gar nicht den betörenden Effekten der Surround-Technik hingibt. Dies ist zuallererst das Verdienst des Arrangeurs und Dirigenten Michael Gibbs. Diesem 69-jährigen, aus dem einstigen Rhodesien stammenden Klangkünstlers stand mit der Radio Philharmonie Hannover des NDR ein idealer Klangkörper zur Verfügung. Inspiriert von Kühns Klavierspiel, das ja gerne mitunter fast narzisstisch virtuos Klangtraube auf Klantraube schichtet, hat er stimmungsvolle Partituren geschrieben, in denen der Einfluss von Gil Evans ebenso spürbar ist wie die Klangwelt expressiver Spätromantik. Joachim Kühn verdoppelt nun nicht etwa die Expressivität, sondern findet zu einer bei ihm geradezu faszinierend aufgeräumten diskursiven Linearität.
Der große Wurf des Werkes aber besteht darin, dass hier gelang, worum sich die Praktiker des Third Stream bisher fast immer vergeblich bemühten: Jazz und Sinfonik zu einer stimmigen Einheit zu verschmelzen. Da ist nichts hochgejazzte Klassik oder klassisch verbrämter Jazz. Neben Kühns Soli in allen Sätzen gibt es noch großartige Beiträge von Django Bates am Tenorhorn, Richard Galliano am Akkordeon, Markus Stockhausen an der Trompete und Albert Mangelsdorff an der Posaune. Von kuriosem Interesse sind die Sopransaxofonbeiträge von Christof Lauer und Klaus Dolldinger; beide klingen sie einem Jan Garbarek zum Verwechseln ähnlich. Am 10. September wird diese großartige Musik in Hamburg zum ersten Mal im Konzert zu entdecken sein.

Thomas Fitterling, 18.08.2006



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