Es gibt Musikbegeisterte, die die Substanz mancher Werke so verinnerlicht haben, dass sie diese Stücke am liebsten nur noch lesend imaginieren, statt einer Aufführung beizuwohnen. Diese auf den ersten Blick verschrobene Eigenart kann vielleicht manch einer verstehen, der nach langer Suche noch nicht die ideale Interpretation eines sehr geschätzten Werks gefunden hat. Wenig Sinn hat das bloße Lesen bei einem Klavierkonzert von Rachmaninow oder einem Chorwerk von Francis Poulenc: Solche sinnlich-virtuos angelegte Musik drängt nach klanglicher Verwirklichung.
Anders verhält es sich mit Bachs geistlicher Musik: Ein großer Teil ihres Gehalts steckt ganz objektiv im Notentext. Hier kann unkundige Interpretation zerstörerisch wirken, und zwar ausdrücklich aus zwei Perspektiven: Eine monumental-opernhafte oder frömmelnd-betuliche Darbietung geht ebenso auf die Nerven wie eine sportlich unbekümmerte, den theologischen Gehalt ignorierende Version in historischer Aufführungspraxis.
Diese von Fritz Lehmann dirigierte "Matthäus-Passion", aufgezeichnet im April 1949, tendiert in diesem Spannungsfeld auf Grund ihres Aufnahmedatums naturgemäß zur ersteren Richtung: Elfriede Trötschel (Sopran) und Diana Eustrati (Alt) ergehen sich in schwerfälligen Portamenti (hinzu kommen gelegentliche Intonationsprobleme); bei allem Respekt für die historische Leistung wäre es aberwitzig zu leugnen, dass Barbara Bonney oder Magdalena Kožená das sängerisch inzwischen viel besser gemacht haben.
Etwas anders liegt der Fall bei Helmut Krebs (Tenor) und Dietrich Fischer-Dieskau (Christus): Krebs erzählt die Passionsgeschichte ohne übertriebenes Pathos mit dem nötigen Maß an Dramatik und größtmöglicher Textverständlichkeit: Hier könnte sich mancher schmalbrüstige Säuseltenor der Gegenwart eine Scheibe abschneiden. Der erst vierundzwanzigjährige Fischer-Dieskau bringt in den Christusworten ein erstaunliches Maß an Reife und Würde auf, und seine vergleichsweise schlichte Art zu singen weist aus der Perspektive von 1949 in eine vielversprechende Zukunft.
Ein grundsätzliches Problem alter Bach-Aufnahmen ist das fehlende Verständnis für den rhetorischen Charakter, obwohl die Wiederentdeckung der musikalischen Figuren durch Untersuchungen von Musikwissenschaftlern wie Arnold Schering schon lange vorbereitet war: Auch Lehmanns Ensemble, Chöre wie Orchester, neigt stark zum Stampfen, zum gleichmäßig-nivellierenden Betonen aller Zählzeiten. Jenes Federn und Pulsieren, mit dem historisierende Aufnahmen der letzten zwei Jahrzehnte aufwarten können, fehlt vollständig.
Hierin liegt einer der Hauptgründe für die bisweilen nervtötende Schwerfälligkeit und Überakzentuiertheit. Respektlos, ein solches Urteil? Mag sein. Aber die interpretatorische Umsetzung beleuchtet das Wesentliche, den theologisch-musikalischen Gehalt, jeweils in ganz bestimmter, auch zeittypischer Weise. Und in dieser Hinsicht ist Lehmanns Matthäuspassion nicht mehr die unsere.

Michael Wersin, 01.12.1999



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