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Live At Montreal

Charlie Haden, The Liberation Music Orchestra

Eagle Vision/Edel Contraire EREDV 329
(95 Min., 7/1992) 1 DVD

Mit dem "Liberation Music Orchestra" reihte sich Charlie Haden 1969 in die weltweite Bewegung für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit ein. Im Gegensatz zu anderen Free-Jazzern verzichtete er dabei auf aggressive Untertöne und gestaltete stattdessen eine (musikalische) Alternativwelt voll melancholischer Schönheit und Sehnsucht. 1982 und 1990 ließ er zwei Alben folgen, in denen er diese Sehnsüchte erneut aufgreift. Das Repertoire der 1990 bei ECM erschienen Scheibe des Liberation Music Orchestra steht im Zentrum des 1992 beim Jazzfestival von Montreal mitgeschnittenen Konzerts. Die Besetzung umfasst bekannte Musiker wie den Gitarristen Mick Goodrich, den Saxofonisten Joe Lovano und den Posaunisten Robin Eubanks sowie Nachwuchsleute wie den Saxofonisten Javon Jackson sowie die Trompeter Tim Hagans und Ryan Kisor, die gegen Ende des Jahrzehnts international Bedeutung erlangte. Auch wenn es geopolitisch nicht nach einem Sieg der Befreiungsbewegungen aussieht, behält der "Dream Keeper" seinen Optimismus und bleibt dem alten Traum treu. Die Stücke sind - wie bei den vorherigen Produktionen - von Carla Bley arrangiert. Dabei verzichtet sie - im Gegensatz zu den Arrangements für ihre eigenen Platten - auf ironische Brechungen: Hier unterstützt sie Charlie Hadens gefühlvollen, mit den Themen und Anliegen der Stücke sympathisierenden Ansatz. Zu Konzertbeginn entwickelt sich aus der getragenen Hymne des Afrikanischen Nationalkongresses ANC, "Nkosi Sikelel'i Afrika" ein eruptives Free Solo des Altsaxofonisten Makanda Ken McIntyre, und gegen Ende wird die "Hymn Of The Anarchist Women's Movement" aus dem Spanischen Bürgerkrieg zum vergnügten Tanz fein ineinander verwobener Kleinbewegungen, aus denen sich ein grandioses Tuba-Solo von Joe Daley und ein Klavier-Solo von James Williams lösen. Volksliedthemen und Hymnen, die zu akustischen Signets des weltweiten Befreiungskampfes gegen die Dominanz der USA und der westlichen Welt geworden waren, verweben sich zum akustischen Traum von einer besseren Welt. Die Bildregie präsentiert eine Mischung aus Solisten- und Ensemblebildern, ist aber - bei den beschränkten Möglichkeiten einer Konzertaufzeichnung ist dies kein Wunder - nicht immer schnell genug, um das akustische Geschehen gleich optisch zu illustrieren.

Werner Stiefele, 17.01.2004



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