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Maarifa Street. Magic Realism 2

Jon Hassell

Label Bleu/Rough Trade 6674
(61 Min., 2002, 2003) 1 CD

1983 nahm der Trompeter Jon Hassell eine Platte namens "Aka-Darbari-Java" auf, die so unterschiedliche Dinge wie Raga, Pygmäengesang, javanesische Gamelan-Klänge und Hollywood-Soundtracks der 50er Jahre vereinigte. "Magic Realism" lautete der Untertitel des Albums. So gesehen muss es sich bei der CD "Maarifa Street" um die Fortsetzung des eigentümlichen Konglomerats von damals handeln. "Magic Realism 2" liest man nämlich auf der Klapphülle, die im Inneren das Bild "Crucifixion" des Malers Abdul Mati Klarwein zeigt.
In vielerlei Hinsicht scheint Klarweins Kunst mit Hassells magischem Elektro-Akustik-Realismus zu korrespondieren. Zum einen: Klarwein konnte sich einen Namen mit seinen "improvisierten Gemälden" machen, die ordinäre Flohmarktschinken durch Übermalungen in etwas Höheres verwandeln; Hassell geht auf "Maarifa Street" ähnlich vor, indem er Konzertmitschnitte mit nachträglicher (und energischer) Studiobearbeitung zu gänzlich neuen Soundcollagen assembliert. Zum anderen: Klarweins "Crucifixion" erinnert mit seiner mystischen Darstellung praller Weiblichkeit an die Gemäldefantasien eines großen Trompeters.
Was Miles Davis mit "Bitches Brew" oder "On the Corner" in die Welt setzte, aktualisiert Hassell nun. Ungleich konzentrierter und ruhiger als der genialische Großkotz geht er dabei vor. Auf "Maarifa Street" pulst unaufhörlich ein Dub-Bass, im Hintergrund sind sacht zerfaserte E-Gitarren zu hören oder auch etwas, das sich nach Kuhglocken anhört. Dazu erklingt zuweilen der aufs Schönste klagende Sufi-Gesang des Oud-Spielers Dhafer Youssef. Wie der Geist über den Wassern schwebt Hassells irrlichternde Trompete. Es ist schlicht meisterhaft. Man kann es den Fans des Trompeters Nils Petter Molvaer nicht oft genug sagen: seinen Ton hat sich der Norweger nur geliehen. Und zwar nicht von Miles, sondern von Jon.

Josef Engels, 01.04.2006



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