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Come Closer

Julia Hülsmann-Trio, Anna Lauvergnac

ACT/Edel CD 9702-2
(57 Min., 8/2003) 1 CD

Auf den ersten Blick könnte man es ja für einen billigen Trick halten. Da hat jemand kürzlich den Durchbruch geschafft und muss nun schnell einen neuen Tonträger vorlegen. Was liegt da näher, als ein Tribut-Album mit lauter halbwegs bekannten Pop-Nummern aufzunehmen? Spart schließlich Zeit und sichert mal wieder die Zuneigung des Publikums.
Bei Julia Hülsmann, die im vergangenen Jahr zusammen mit Rebekka Bakken und der Platte "Scattering Poems" bis auf Platz 2 der hiesigen Jazz-Charts wanderte, liegt der Fall etwas anders. Zum einen hat sie sich einen veritablen Querkopf für ihre Hommage-CD ausgesucht, einen, der bei aller Jazz-Affinität gar nicht so reibungslos in Improvisationskontexte zu pressen ist. Zum anderen nutzt sie die Musik des Geehrten aus, um sich selbst frei zu spielen. Gewiss, "Celebrating Randy Newman" lautet der Untertitel von Hülsmanns neuem Werk. Gefeiert wird hier in erster Linie aber das Talent der Berliner Pianistin, ihrem Trio und einer Sängerin aus dem Stoff fremden Liedguts überraschend mehrdeutige Anverwandlungen auf den Leib zu arrangieren.
Umwehte "Scattering Poems" noch stark der ätherische Hauch nordischer Schwermut, so wühlt "Come Closer" nun im Dreck der amerikanischen Muttererde. Es liegt an der Farmersfrauen-Stimme der langjährigen Vienna-Art-Orchestra-Mitarbeiterin Anna Lauvergnac, die Stücke wie "Cowboy" oder "In Germany Before the War" mit dem traurigen Sarkasmus einer Holly Cole bearbeitet. Da singt kein naives Schönchen, sondern ein mit allen Brackwassern des Blues und des Lebensmissbrauchs gewaschenes Biest. Ähnlich verhält es sich mit Hülsmanns Keyboard-Spiel. Wie sie Newmans größten Hit "Short People" in eine instrumentale Ambient-Exkursion mit flirrendem E-Piano und grimmig-gelassener Rhythmusgruppe verwandelt - das ist schon klasse. Nur die einzige Eigenkomposition, das Titelstück "Come Closer", fällt wegen seines - im Vergleich zu Newmans Erfindungen - reichlich banalen Textes völlig aus dem Rahmen. Warum die Nummer mit auf die CD musste, weiß wahrscheinlich nur die Plattenfirma.

Josef Engels, 20.03.2004



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