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Joys & Desires

John Hollenbeck, Jazz Big Band Graz

Intuition/Al!ve 33862
(54 Min., 4/2004) 1 CD

Wenn Duke Ellington in seiner frühen Orchesterzeit den so genannten "Jungle Sound" kreierte, dann hat der Komponist, Arrangeur und Schlagzeuger John Hollenbeck auf seiner gemeinsam mit der Jazz Bigband Graz eingespielten Platte "Joys & Desires" nun das Gegenstück erfunden: den Regenwald-Style. Nur so lässt sich nämlich annähernd beschreiben, was in der Auftaktnummer "The Bird With the Coppery, Keen Claws" passiert. Vereinzelte Klangwolken brechen da immer wieder unvermittelt auf, die Bläser piepen und krächzen wie exotische Vögel, Sänger Theo Bleckmann wispert ein enigmatisches Poem des Dichters Wallace Stevens ins undurchdringliche Blattwerk. Was für ein Beginn!
Hollenbeck hat mit dem Swing-Einerlei orthodoxer Jazz-Großformationen nichts im Sinn. Er arbeitet mit Texturen und Sound-Schichtungen, hält nichts von klischeebeladenen Solo-Planstellen in der Partitur und befürwortet durchaus den Einsatz von Effektgeräten. Weshalb beispielsweise die über elf Minuten lange Achterbahnfahrt "Abstinence" mit Wah-Wah-Trompete und elektronisch verfremdetem Gesang so klingt wie Miles Davis auf Entzug - also noch verrückter als auf Drogen.
Wer Pate gestanden haben könnte bei dieser hochoriginellen Musik, deutet Hollenbeck in einem Stücktitel selber an. Mit "After a Dance or Two, We Sit Down for a Pint with Gil and Tim" verweist der Schlagzeuger bierselig auf seine beiden Vorbilder Gil Evans und Tim Berne. Wie eine verwegene Mischung aus der Musik des sensiblen Orchestrators und des intellektuellen Avantgardisten muss man sich Hollenbecks Ensembleerzeugnisse vorstellen, die die Jazz Bigband Graz unter der Leitung von Heinrich von Kalnein und Horst-Michael Schaffer wahrhaftig umwerfend interpretiert. Um es mit den Worten Hollenbecks zu sagen: "Es handelt sich hier nicht um die übliche Big-Band-CD, die deinen Eltern gefallen würde".

Josef Engels, 12.11.2005



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