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Johann Sebastian Bach

Kantaten "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" (BWV 12), "Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!" (BWV 172), "Himmelskönig, sei willkommen" (BWV 182)

Bach-Ensemble, Joshua Rifkin

Dorian/In-Akustik DOR-93231
(74 Min., 09/1996) 1 CD

Der amerikanische Pianist und Ensembleleiter Joshua Rifkin gehört unter den Vertretern der Historischen Aufführungspraxis zur Gruppe der Minimalisten, jener Dirigenten, die Bachs Vokalwerke in extrem kleinen Besetzungen musizieren. Die Gesangspartien werden auch in den Chorsätzen meist von Solisten allein ausgeführt. Rifkin beruft sich für diese Praxis auf Quellen wie etwa erhaltene Stimmensätze einzelner Werke und beteiligt sich auch rege an der musikwissenschaftlichen Diskussion dieser Frage, wobei er sich regelmäßig scharfe Wortgefechte mit Anhängern einer "gemäßigteren" Vorgehensweise, unter ihnen beispielsweise Ton Koopman, liefert.
Mit letztgültiger Sicherheit wird man diese Frage wohl niemals beantworten können; allerdings bewegt Rifkin sich in seiner vorliegenden Aufnahme von Bachs drei ersten Weimarer Kantaten auf recht sicherem Boden, was die Besetzungsfrage angeht: In Weimar ist - im Gegensatz zu Leipzig - nachweislich mit sehr wenigen Musikern gespielt und gesungen worden. Der Transparenz der Chorsätze kommt dies zweifellos zu Gute. Stücke wie der Eingangschor von "Himmelskönig, sei willkommen" (BWV 182) sind eine wahre Freude für den Hörer, wenn sie ohne überflüssigen orchestralen und chorischen Ballast gleichsam schwerelos dahinfließen und dabei ihre kunstvolle Struktur hörbar machen. Gleiches gilt für die zauberhafte instrumentale "Sonata" derselben Kantate.
Während die vier Gesangssolisten als Ensemble ein recht geschlossenes Bild abgeben, ist ihre Qualität bei den Arien unterschiedlich: Am erfreulichsten agiert der Bassist Michael Schopper, dem ein so kraftvolles, monumentales Stück wie "Heiligste Dreieinigkeit" aus BWV 172 geradezu auf den Leib geschrieben zu sein scheint, vermag er doch mit seiner runden, warmen Bassstimme auch den Trompeten standzuhalten. Der Tenor John Elwes hingegen klingt leider nicht ganz frei: Vor allem in der höheren Lage trübt eine unstete Tonbildung, verbunden mit hörbarer Enge, den Genuss.
Von der Sopranistin Susanne Rydén würde ich gerne mehr hören, aber sie ist in diesen Kantaten nicht mit einer eigenen Arie bedacht. Hervorragend meistert sie jedoch die anstrengenden Ensemblepartien, die teilweise extrem hoch liegen, da Rifkin das Problem der (wegen unterschiedlicher Stimmtöne) in unterschiedlichen Tonarten notierten Originalstimmen mit einer Entscheidung für die jeweils höhere der beiden sich anbietenden Tonlagen löst.

Michael Wersin, 01.12.1999



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