Responsive image

Influence

Belmondo, Yusef Lateef

B-Flat/Al!ve
(101 Min., 3/2005) 2 CDs

Schon relativ früh in seiner inzwischen 60 Jahre währenden Karriere wehrte sich Yusef Lateef dagegen, als "Jazzmusiker" bezeichnet zu werden. Es geschah aus der Einsicht heraus, dass der Begriff "Jazz" im weißen Diskurs die Herabwürdigung der afroamerikanischen Kultur fortschreibt. Aber auch inhaltlich schien der einengende Terminus nie recht zu passen zu der grenzüberschreitenden Musik des Saxofonisten, Flötisten, Oboisten und Instrumental-Ethnologen. Wenn man so will, birgt die Doppel-CD, die Lateef gemeinsam mit den französischen Brüdern Lionel und Stéphane Belmondo wenige Monate vor seinem 85. Geburtstag eingespielt hat, die Quintessenz seines inkommensurablen Schaffens.
Das Doppelalbum trägt den Titel "Influence", weil die Belmondos als Teenager unaufhörlich Lateefs Aufnahme "Jazz Moods" aus dem Jahr 1957 auf dem Plattenteller liegen hatten. Aber es spielen noch ganz andere Einflüsse auf "Influence" eine große Rolle. Auf der ersten CD, die aus Stücken von Lionel Belmondo, Lili Boulanger und Christophe Dal Sasso besteht, gemahnen etwa die Bläsersätze des zwölfköpfigen Ensembles hinter Lateef an Orgelmusik. Die mosaikartigen Soundscapes der Bläser bilden den Hintergrund für erzürnt gemurmelte Tenorsax-Soli oder etüdenhafte Flötenexkursionen des Meisters.
Auf der zweiten CD stehen Lateefs eigene Kompositionen im Vordergrund. Während die eigens für das Projekt geschriebenen "An Afternoon in Chatanooga" und "Le Jardin" den zwischen Klassik-Moderne, Avantgarde und Gil Evans gespannten roten Faden des ersten Silberlings weiterspinnen, vermittelt die vierteilige "Suite Over Time" zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Lionel Belmondo und Christophe Dal Sasso haben alte Stücke Lateefs, darunter mit "Brother John" sein wohl bekanntestes, für die ungewöhnliche Holz-, Blech- und Rhythmus-Großformation neu arrangiert. Es ist eine faszinierende Versenkungsübung daraus geworden, die Lateef mit Saxofon und Oboe im Gedenken an den Blues, Coltranes "Love Supreme" oder Gershwins "Summertime" verschwenderisch gestaltet. Ein wahrhaft großer Universalmusiker, immer noch.

Josef Engels, 03.12.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Zugegeben: Letzte Woche haben wir mit unserer CD-Empfehlung ganz schöne Hör-Kalorien aufgetischt. Dagegen wirkt das a-capella-Album deutscher Adventslieder von Schwesternhochfünf wie ein Spaziergang im Winterwald: klar, kühl, konzentriert. Die Stimmen beginnen im Einklang wie ein Schwesternkonvent der Hildegard-von-Bingen-Zeit, doch schon, wenn beim Arrangement von „Maria durch ein Dornwald ging“ hörbar ein Geflecht aus Sekunden und Reibungen zu flirren beginnt, zeigt das Album, was in […] mehr »


Top