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Chanson Irresponsable

Mike Westbrook

Enja/Soulfood 9456-2
(100 Min., 5/2003) 2 CDs

Acrocephalus Schoenobaemus ist nicht etwa der verschrobene Titel eines posthum veröffentlichten Mingus-Albums, sondern die zoologische Bezeichnung für einen scheuen Vogel, den wir hierzulande Schilfrohrsänger nennen. Sein Gesang, der in einem ornitologischen Standardwerk als "irresponsable" bezeichnet wurde, inspirierte den britischen Komponisten, Tubisten und Pianisten Mike Westbrook zu einer Art musikalischer Fabel vom Leben und Sterben aus der Vogelperspektive. Hierzu vertonte er vorwiegend Texte seiner Frau Kate, die in mehreren Sprachen vorgetragen und dabei musikalisch unterschiedlich beleuchtet werden. Dies besorgen die Librettistin und Matthew Sharp, teils singend, teils deklamierend, sowie ein 13-köpfiges Instrumentalensemble, dessen Gesamtklang von Klarinette und Saxofon dominiert wird.
Formal zeigt sich das Werk in erster Linie mainstreamig jazzig, bisweilen mit avantgardistischem Anspruch. Wir hören aber auch eine Begräbnishymne, die im New Orleans-Stil ihre Stimmungswende erfährt, Pop und Blues fehlen ebenso wenig. Bunt also wie die Vogelwelt, doch überzeugen kann davon eigentlich gar nichts; der Blues wirkt verkopft, der Pop ist im unangenehmen Sinne kitschig. Fast kriminell wird es, wenn Westbrooks opus im Gefieder der Neuen Musik daherstolziert, insbesondere die Vokalpartien lassen einen unweigerlich an einen deutschen TV-Entertainer denken, der mit einer einzigen tiefsinnigen Exklamation ("Hurz!") das Bildungsbürgertum zu entlarven schien. Wenn es die Akteure wenigstens mit Humor angehen würden - tun sie sogar, doch auch das geht schief. Kürzte man "Chanson Irresponsable" um seine Vokalteile, so verbliebe eine einzige CD mit teilweise ansprechender Instrumentalmusik, die mit ihrer reizvollen Besetzung und subtilen Klangfarben dann sogar tatsächlich an den großen Mingus erinnern würde.

Tilman Stamer, 20.12.2003



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