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Nomad

Ferenc Snétberger

Enja/Soulfood 9485 2
(53 Min., 2/2005) 1 CD

Der in Berlin lebende Ungar Ferenc Snétberger ist zweifellos ein stolzer Stil-Nomade. Es reicht ein kurzer Blick auf die Diskografie des Gitarristen, um das eindrucksvoll bestätigt zu finden. Man gewahrt da unter anderem eine brasilianische Affäre mit dem Trompeter Dusko Goykovich, stößt auf einen Solo-Konzertmitschnitt, der die "Kunst der Fuge" problemlos mit "Autumn Leaves" auf dem Programmzettel vereint und wird an die Teilhabe Snétbergers an der europäischen Dream-Team-Aufnahme "Joyosa" aus dem Jahr 2004 erinnert.
Nun hat es den umtriebigen Ungarn nach Norden verschlagen. Im berühmten Osloer "Rainbow Studio" Jan Erik Kongshaugs nahm er gemeinsam mit dem Bassisten Arild Andersen und dem seit einem Vierteljahrhundert in Norwegen residierenden Schlagzeug-Italiener Paolo Vinaccia eine Platte auf, die auf den ersten Blick ganz der trauten Skandinavien-Imagination verpflichtet scheint, die das Label ECM so erfolgreich etabliert hat. Es liegt natürlich auch an dem Booklet der CD "Nomad", das gewaltige Berge zeigt, geduckte Häuschen und pittoresk rauchende Schornsteine.
Die Musik deckt sich indes nicht unbedingt mit den erwartbaren Klischees. Gewiss, da gibt es zuweilen ein feierliches Innehalten in elektronischen Hallräumen zu notieren. Aber im Kern kommt "Nomad" daher wie ein Road Trip durch die Alte Welt und darüber hinaus. Es geht vom Flamenco des tiefsten Westens über den Bebop des Balkans und die Volkslieder Ungarns bis hin nach Indien - so deutet es zumindest das an Tabla-Klänge gemahnende Perkussionsspiel Vinaccias in Snétbergers "Song to the East" an. Andersens Komposition "The Fifth Frame" wiederum muss man sich als Reise nach Dänemark vorstellen, ans Grab des unlängst verstorbenen Basskollegen Niels Henning Ørsted Pedersen. Und "Outhouse" schließlich, eine würdevolle Akustik-Funk-Nummer, verbeugt sich freundlich in Richtung Amerika. Es ist ein durch und durch angenehmes Vagabundieren, dem es ein wenig an Abenteuerlust gebricht. Aber: wozu eine Reifenpanne riskieren, wenn doch alles so gut läuft zwischen Konzertgitarre, Kontrabass und Schlagwerk? Ein Pauschalurlaub hört sich jedenfalls anders an.

Josef Engels, 01.10.2005



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