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Palindrome 6tet

Lars Duppler

JazzHausMusik
(65 Min., 3/2003) 1 CD, www.jazzhausmusik.de

Ein Palindrom ist ein Wort, das auch rückwärts gelesen einen Sinn ergibt. Das kann oft recht lustig sein, wie uns Kurt Schwitters und die deutsche HipHop-Formation Freundeskreis mit ihren Oden an Frauen namens Anna deutlich gemacht haben. Aber es ist auch viel Tiefsinn darin. Als Beispiel sei die Miles-Davis-Aufnahme "Live/Evil" angeführt, die mit ihrem Titel und dem verstörend doppeldeutigen Cover die Dichotomie von Gut und Böse, von Tod und Leben beschwört.
Auch für den Kölner Pianisten Lars Duppler ist das Palindrom weit mehr als nur ein gewitztes Wortspiel. Es fungiert bei den Kompositionen des 28-Jährigen gewissermaßen als philosophisches Strukturprinzip. Oberflächlich betrachtet macht Duppler Modern Jazz auf der Grundlage der Einflüsse seiner beiden höchst unterschiedlichen Lehrmeister. Von John Taylor hat er sich die Innerlichkeit abgeschaut, von Joachim Kühn das Drängende und die unbändige Freiheitsliebe. Und ja, Dupplers Band, die sich über die Jahre von einem Quartett zu einem Sextett entwickelt hat, kann das alles bestens bedienen: Dank Bassist Dietmar Fuhr und Schlagzeuger Marcus Rieck swingt sie auf Teufel komm raus, hält jederzeit eine stilistische Überraschung bereit und präsentiert sich selbst in den Momenten der Auflösung als geheimnisvoll verschworene Einheit.
Die Elemente sind also bekannt - Hardbop, Soul, Latin und Free. Doch es ist die Organisation, die bei Duppler Staunen macht. Die Stücke sind keinerlei linearer Ordnung verpflichtet. Das, was man für Themen halten könnte, sind Klangflächen, die von Trompeter Stephan Meinberg, Tenorsaxofonist Niels Klein und Altist Frank Sackenheim impressionistisch mehrstimmig in den Raum gestellt werden. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Nicht umsonst schließt die Aufnahme denn auch mit einem "Prelude". Ein schönes Palindrom.

Josef Engels, 17.07.2004



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