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Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann

Actus Tragicus - Kantate "Du aber, Daniel, gehe hin"

Theatre of Early Music, Daniel Taylor

Atma/Musikwelt ACD 2 2288
(50 Min., 08/2002) 1 CD

Die unerhörte menschliche und künstlerische Reife, die aus Johann Sebastian Bachs frühem Meisterwerk "Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit" ("Actus tragicus", BWV 106) spricht, wird wohl für alle Zeiten ein Rätsel bleiben: Kaum über zwanzig war Bach, als er mit dieser Trauermusik wahrscheinlich den Hinterbliebenen seines Oheims Tobias Lämmerhirt die Unausweichlichkeit des Sterben-Müssens vor Augen führte. Aus der Fülle des Lebens mit all seiner Geschäftigkeit und Eile geleitet er sie mittels eines vielschichtigen musikalischen Verlaufs direkt auf das Erlebnis des Todes zu, bei dem sich nach und nach alle Sinnesreize der Außenwelt verabschieden, bis sich die Seele mit den Worten "Komm, Herr Jesu" für einen kurzen Moment absoluter Stille in den freien Fall begibt. Mit ganz geringem äußeren Aufwand bescherte Bach der Musikgeschichte hier einen ihrer größten Augenblicke.
In der Tagen der historischen Aufführungspraxis ist es zum Glück üblich geworden, BWV 106 sehr klein zu besetzen; eigentlich genügen vier Sänger und ein solistisches Instrumentalensemble zur Entfaltung der vollen Wirkung dieser Trauermusik. Daniel Taylor, der bei seiner Aufnahme mit dem "Theatre of Early Music" genau so verfährt, erreicht passagenweise jene Intimität und Unmittelbarkeit, die das Stück unwiderstehlich und faszinierend machen kann. Leider agieren seine Sänger dabei bisweilen so sehr auf der äußersten Stimmbandkante, dass der Vortrag an Prägnanz und Aussagekraft einbüßt: Stephen Varcoe produziert bei dem Abschnitt "Heute wirst du mit mir im Paradiese sein" einen nahezu weißen, flachen Klang, der weniger die beabsichtigte Verzückung als vielmehr Kraftlosigkeit impliziert. Ian Honeyman hat zudem deutliche Register-Probleme, die vor allem in “Ach Herr, lehre uns bedenken” zu Tage treten. Weitaus besser klingen die Ensembles mit der wundervollen, aber ebenfalls sehr gebremsten Suzie Leblanc im Sopran. Von solcher Blässe hat man sich in der historisierenden Aufführungspraxis eigentlich längst verabschiedet. Unter ihr leidet jedoch auch Georg Philipp Telemanns Trauer-Kantate "Du aber, Daniel, gehe hin", die übrigens im Gegensatz zu Bachs "Actus Tragicus" schon nach dem neueren Kantaten-Typ mit Rezitativen und Arien gestaltet ist: Allzu große Zurückhaltung der Interpreten bedingt allenfalls eine meditative Stimmung, aber die kann auch bei traurigem Anlass in einer barocken Kantate nicht in dieser Breite gefordert sein.

Michael Wersin, 01.12.1999



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