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Johann Sebastian Bach, Frédéric Chopin, Robert Schumann, Richard Wagner, Max Bruch, Gabriel Fauré

Zugaben & Transkriptionen für Violoncello und Klavier

Pablo Casals, Nikolai Mednikoff

Naxos 8.11 0972
(74 Min.) 1 CD

Wer bei musikalischen Zugaben schmissige Kabinettstückchen erwartet, mit denen der Solist des Abends seine Fingerfertigkeit unter Beweis stellt, der wird von der Platte enttäuscht sein. Denn von wenigen Ausnahmen abgesehen, die auch nicht gerade Akrobatisches, dafür aber zumindest Unbeschwertes zum Besten geben, entführt Pablo Casals die Hörer hier durchweg in ruhige, um nicht zu sagen: tiefsinnig versunkene Regionen. Vermutlich liegt es schon am Instrument selbst, das die Komponisten bei weitem nicht zu derart vielen halsbrecherisch-virtuosen Zirkusnummern animiert hat wie die Violine; hier, beim Cello, lauscht man von vornherein lieber den sonoren, warmen Kantilenen und den großatmigen Phrasierungsbögen.
Und da wird man beim 50-jährigen Jahrhundertcellisten, der Mitte der Zwanziger den Zenit seines Könnens erklomm, aufs Beste bedient. Die Intensität seines wunderbar schlanken, sehnigen, dichten Tons ist unvergleichlich, und das plakative Wort vom "Singen" des Cellotons erfährt hier eine betörende Bestätigung. Bezeichnenderweise tönen einem die Repertoire-Schlager: Schumanns "Träumerei", Wagners Tannhäuser- und Meistersinger-Paraphrasen, Saint-Saens' Schwanengesang, Bruchs "Kol Nidrei", nicht als süffig ausufernde Schwelgereien entgegen, sondern als Dokumente vornehmster Noblesse (wobei Nikolai Mednikoffs solide Klavierbegleitung nicht unerwähnt bleiben soll). Mit diesen 19 "Zugaben" fühlt man sich in einen großbürgerlichen Salon des vorletzten Jahrhunderts versetzt, in dem die Musik zwar nur Mittel der Unterhaltung ist, in dem aber der Cellist alle in den Bann zieht und sich trotz bzw. gerade wegen seiner zurückhaltenden Noblesse im Mittelpunkt weiß - mit einer Ausnahme: in Casals eigenem Arrangement des Adagios der dreisätzigen Bach-Toccata BWV 564 kommt noch eine andere, tiefere Schicht jenseits aller Unterhaltung hinzu.
Schließlich erstaunt auch der technische bzw. "historische" Charakter der Aufnahme: für ihr Alter besitzt sie eine überraschende Tonqualität. Casals hat hier erstmals nicht mehr in den berüchtigten Trichter hineingespielt, sondern sich des elektronischen Mikrofons bedient. Aber auch der Naxos-Spezialist Mark Obert-Thorn wird mal wieder das Seine zu dieser höchst gelungenen Ausgrabung beigetragen haben.

Christoph Braun, 01.01.1970



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