Polaroid Memory

Sebastian Weiss-Trio


Fresh Sound New Talent 8 427328 42 0853
(58 Min., 10/1999) 1 CD

Aus dem Beiheft erfahren wir so gut wie nichts über den jungen deutschen Pianisten Sebastian Weiss, einem in New York lebenden Schüler von Jaki Byard und Mark Soskin. Mit dem Schlagzeuger Dan Weiss (vermutlich sein Bruder) und dem ausgezeichneten Bassisten Bob Bowen III legt er auf seinem Debüt eine beachtliche Talentprobe ab.
Hören können wir, dass Weiss sich mit den stilbildenden Pianisten der sechziger und siebziger Jahre, besonders Evans (in puncto Lyrik und Trio-Interaktion), daneben Hancock, Tyner und einer Reihe jüngerer Pianisten sowie mit klassischer Musik beschäftigt hat (ältere Jazzpianisten haben auf ihn kaum abgefärbt) und vielfältige Einflüsse zu einer durchaus eigenständigen, modernen Synthese verbindet, die weitgehend ohne die Klischees des Neobop auskommt. Seine Vorliebe gehört unter anderem Bass-Ostinati, hervorstechenden Motiven in parallelen Oktaven und ausgeklügelten Voicings. Das lockere Drauflosswingen ist weniger sein Metier, aber seine Kompositionen (alle zehn stammen von ihm) und Improvisationen sind gescheit. Sein Naturell neigt zu Reflektion und Abstraktion, verrät mehr Geist als Body & Soul. Wir werden noch von Sebastian Weiss hören.

Marcus A. Woelfle, 24.08.2000


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Eine soziale Einrichtung als Motor der Musikgeschichte: Antonio Vivaldi blieb dem Ospedale della Pietà in Venedig, einem Waisenhaus für höhere Töchter, bis auf wenige Reisejahre fast lebenslang als Lehrer verbunden. Er profitierte nicht nur vom rein weiblich besetzten Spitzenorchester, das stets züchtig hinter einem Gitter musizierte - was die Fantasie der zuhauf anreisenden Kulturtouristen eher erhitzte als kühlte. Das enorme Spektrum an Instrumentalfarben und die Kompetenz der für ihren Unterricht angestellten Musiker wirkte sich befruchtend auf seine Kompositionen aus. Das Studium der Oboe war an der Pietà ab 1707 hauptamtlich besetzt, und wahrscheinlich schneiderte Vivaldi einige Oboenkonzerte einer Schülerin auf's Doppelrohrblatt, die als "Pellegrina" bis zu ihrem Tod mit 77 Jahren in den Unterlagen geführt wird. Eines seiner Konzerte für Fagott gefiel dem Roten Priester offenbar so gut, dass er es (heute unter der Ryom-Verzeichnisnummer RV450) dem Oboenklang und -spielweise anverwandelte, um dann denselben Ohrwurm nochmal 1735 einer Arie seiner Oper "Griselda" zu unterlegen, so dass sich die Melodie wie musikalische DNA gleich durch mehrere seiner Schöpfungen zieht. Xenia Löffler, Oboistin der Akademie für Alte Musik Berlin, hat mit ihren Kollegen ein Album eingespielt, dass der Blütezeit ihres Instrumentes in der Serenissima des 18. Jahrhunderts nachspürt, in Werken Vivaldis, Marcellos, Portas, ergänzt um eine Neuschöpfung in barockem Geiste von Uri Rom. Und man muss ihr recht geben - so spielerisch virtuos und zugleich seelenvoll wie in den Palazzi am Canale Grande klingt die Oboe in den Konzerten der folgenden Jahrhunderte so schnell nicht wieder.