Zuerst wundert man sich, später kommt es zu unwillkürlichem Lachen. Was diese CD dem Hörer bietet, weicht so sehr von den Bekundungen des Beiheftes ab, dass man ernsthaft fragen muss, an welcher Stelle des Entstehungsprozesses diese Produktion wohl aus dem Ruder gelaufen ist.
Ob Rossinis "Messa di Gloria" wirklich "eines der raffiniertesten Beispiele italienischer Kirchenmusik aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts" ist, wie der Dirigent Wilhelm Keitel behauptet, lässt sich an Hand seiner Umsetzung leider nicht klären. Dabei ist das Europäische Festivalorchester, gegründet 1994 in Minsk, sicher das kleinste Problem, wenn auch das einer Rezension entnommene Prädikat "Eine Offenbarung", zu lesen auf der Rückseite der CD, weit mehr verspricht, als verwirklicht werden konnte. Man hört einen sehr anständigen Klangkörper mit guten Blechbläsern, der allerdings Probleme mit dem gleichzeitigen Einsetzen hat. Der Landesjugendchor Baden-Württemberg ist mit der Chorpartie schlicht überfordert, denn die jungen Sänger können die nötige stimmliche Durchschlagskraft nicht aufbringen, und sie singen außerdem oft einige Hertz unter den Instrumenten.
Grotesk wird es, wenn die Solisten in Erscheinung treten: Schon im "Christe" liefern die beiden Damen ihre terzenseligen Kantilenen mit so unruhiger Stimmführung ab, dass man passagenweise wirklich nicht erkennen kann, ob es sich um Koloraturen oder unkontrolliertes Tremolo handelt. Die Sopranistin wird zudem in der Vollhöhe empfindlich eng und schrill. Der Tenorsolist, von Rossini zu langen Koloraturstrecken im oberen Teil der eingestrichenen Oktave gezwungen, behilft sich immer wieder mit einen dem Schreien ähnlichen Tonproduktion. Fast jede Phrase entgleitet ihm technisch so gründlich, dass man nur mit dem Kopf schütteln kann.
Diese Aufnahme hätte man nicht zur Veröffentlichung freigeben dürfen, es gereicht allen Beteiligten ausschließlich zum Schaden.

Michael Wersin, 15.02.2001



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