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Johann Sebastian Bach

Messe h-Moll

Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki

BIS/Klassikcenter BIS-SACD-1701/02
(107 Min., 03/2007) 2 CDs

Es gibt mittlerweile auf dem CD-Markt neben einer Reihe mäßiger auch einige gute historisch informiert interpretierte Einspielungen von Bachs h-Moll-Messe. (Dazu gehört nach Ansicht des Autors neben Gardiners Version auch immer noch Andrew Parrotts Pionierleistung.) Es ist daher gar nicht mehr so leicht, eine wirklich "neue" Aufnahme beizusteuern – zumindest erfordert dies ein klares Profil, einen neuen interpretatorischen Aspekt. Dies war bei Bernius vor einigen Monaten eine neuartige Orchester-Klanglichkeit, die tatsächlich bisher Ungehörtes zum Vorschein brachte, wenngleich die vokale Ebene sich etwas steril ins instrumentale Geschehen einfügte, was denn auch zu beklagen war. Bei Suzuki nun lässt sich so ein individuelles Profil nicht ohne Weiteres gleich ausmachen; immerhin legt er die erste h-Moll-Messe mit Carolyn Sampson, der Emma Kirkby unserer Tage, vor, was zweifellos ein großes Verdienst ist. Und dass er mit der wenig bekannten Rachel Nicholls eine zweite Sopranistin gefunden hat, die mit Sampson mithalten kann, muss ebenfalls als bemerkenswert bezeichnet werden. Mit seiner kleinen Chorbesetzung von nur drei Sängern pro Stimme dürfte er auch fanatische Anhänger der historisierenden Praxis (bis auf die Minimalisten, die nur einen Sänger pro Part fordern) zufrieden stellen – aber warum singen nur die beiden Sopranistinnen (historisch korrekt) im Chorus mit, während Alt, Tenor und Bass lediglich für die Soli eingeflogen werden? Am Beginn fällt das sehr ruhige Tempo der langsamen Kyrie-Einleitung auf, das sich auch in der ersten Kyrie-Fuge fortsetzt – fast meint man, die Wiederbelebung einer vergangenen Aufführungspraxis zu erleben. Bemerkenswert ist – selbst bei ruhigen Tempi – allerdings auch der intensiv vorwärts drängende Legatodruck, den Suzuki mit dem Chor zu erzeugen vermag, ohne dabei das kleingliedrige Artikulieren auf Basis der Textdeklamation zu vernachlässigen. Zweifellos, sein (weitestgehend japanisch besetzter) Chor ist sehr gut. Der Chorsatzfunke springt allerdings erst beim Sanctus wirklich über: Hier vereinigen sich jugendlich-frischer Klang und Legato-Intensität, gepaart mit einer unerhörten Geschmeidigkeit, die in den schweifenden akkordischen Triolenbewegungen gelegentlich hart ans Portamento grenzt, zu einer solchen Klangpracht, dass man die Heere der Engel tatsächlich singen zu hören vermeint – eine wundervolle Erfahrung. Auf orchestraler Ebene entscheidet sich Suzuki für den durchgehenden Einsatz eines Cembalos (zusätzlich zur Orgel), dessen permanente Akkordbrechungen in langsamen Chorsätzen wie dem "Et incarnatus est" oder dem "Crucifixus" etwas nerven, bringen sie doch ein die Wahrnehmung der klanglichen und strukturellen Entfaltung störendes, zusätzliches rhythmisches Element ein, dessen hoher Geräusch-Anteil wenig Reiz entwickelt und das improvisierte Spiel des Continuo-Organisten, so gekonnt es vielleicht ausfallen mag, schlichtweg übertönt. Soviel einmal zur Musik – was nun den Beihefttext angeht, so fällt auf diesen ja im Falle einer h-Moll-Messe durchaus auch ein genauerer Blick. Der Autor Klaus Hofmann erweist sich als profunder Kenner auch neuerer Forschungsergebnisse und stellt die Quellenlage wie auch die Problematik von Entstehungsgeschichte und -anlass souverän dar. Hinsichtlich der theologisch-musikalischen Zusammenhänge fehlt es ihm allerdings an jenem Weitblick, der es ihm erlauben würde, die exzessiv zum Einsatz gekommene Parodiepraxis und die theologisch-inhaltliche Kongruenz bzw. Korrespondenz vieler der h-Moll-Messe-Sätze mit ihren Kantatenvorlagen zusammenzulesen und auf dieser Basis die naheliegende These zu wagen, dass Bach mit dem Kompilieren eines lateinischen Messordinariums das Beste vom Besten seines Vokalschaffens bündelt, seiner letzten und eigentlichen Bestimmung zuführt und in dieser Gestalt für die Nachwelt rettet.

Michael Wersin, 01.01.1970



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