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Johann Sebastian Bach

h-Moll-Messe

Cantus Cölln, Konrad Junghänel

harmonia mundi/helikon HMC 801813.14
(11 Min., 02/2003) 2 CDs

Bachs H-Moll-Messe hat eine wechselvolle Rezeptionsgeschichte hinter sich: Unter dem Einfluss Friedrich Smends etwa, der sie 1954 für die Neue Bachausgabe edierte, pflegte man die innere Relevanz ihrer zyklischen Gestalt zu leugnen und hielt sie für eine willkürliche Kompilation einzelner Sätze; erst seit den 80er Jahren weiß man genau, dass Bach seine "große catholische Messe" unbeschadet der nach wie vor nicht nachweisbaren Bestimmung mit Sicherheit planvoll als Ganzes angelegt und mit viel Liebe und Akribie entsprechend ausgeführt hat; sie ist höchstwahrscheinlich sogar sein "opus ultimum". Mittlerweile hat auch die Kritik an ihrer weitgehenden musikalischen Präexistenz im Werk Bachs nachgelassen, da man erkannt hat, dass Bach nicht wahllos parodiert, sondern geschickt ausgewählt und tief greifend umgearbeitet hat. Heutzutage nun weisen Musikwissenschaftler gern darauf hin, dass die H-Moll-Messe der äußeren Form eigentlich nichts weiter als eine gewöhnliche "Messa concertata" nach italienischem Vorbild darstellt.
Glücklicherweise schmälern all diese Überlegungen nicht die einzigartige Faszination, die von diesem Werk beim Erklingen ausgeht. Diese Partitur interpretatorisch angemessen umzusetzen ist nach wie vor eine große Herausforderung. Ihr stellten sich im Aufnahmestudio zuletzt Konrad Junghänel und sein Ensemble "Cantus Cölln". Hinsichtlich der Sängerbesetzung entschied sich Junghänel für die Zahl Zehn, die für die vier- bis fünfstimmigen Teile eine (allerdings nicht immer genutzte) doppelte Besetzung ermöglicht, im sechs- bis achtstimmigen Sanctus-Teil allerdings (widersinnigerweise) nur den solistischen Einsatz der Sänger erlaubt. Im Spektrum der mit kleinem Chor (z. B. Gardiner, Herreweghe) bis völlig solistisch (z. B. Rifkin) besetzten historisierenden Einspielungen ist dies eine Novität, deren quellenorientierte Begründung Junghänel dem Hörer schuldig bleibt. Die Qualität der Aufnahme ist Schwankungen unterworfen, die teils auf die unterschiedliche stimmliche Potenz der Sänger zurückgeht. Gut scheint Johanna Koslowsky im Mezzosopran-Bereich aufgehoben, gelingt ihr doch die "Laudamus"-Arie wirklich vorzüglich; Freude macht auch die außerordentlich souveräne Elisabeth Popien mit "Qui sedes ad dexteram patris". Das tiefgründige "Crucifixus" hingegen leidet anfangs unter allzu gewollter, unorganischer Akzentuierung durch die Sänger. Im anschließenden "Et resurrexit" mangelt es dem Bass-Solisten an Substanz bei hohem Tempo, wodurch die gefürchtete Solopassage zum blassen Gehetze verkommt. Derselbe Sänger erweist sich dann in der schwierigen Arie "Et in Spiritum Sanctum" als der hohen Tessitura nicht ganz gewachsen. Kurzum: Trotz vieler schöner Passagen bleibt diese Einspielung ein Wechselbad für den Hörer und kann leider nicht als ganz großer Wurf bezeichnet werden.

Michael Wersin, 01.01.1970



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