Zwischen Mikis Theodorakis' ersten Versuchen, die antike Tragödie in ihrem Kern musikalisch zu greifen, und dem nun vollendeten, dreiteiligen Opernkoloss liegen vierzig Jahre. Ein Zeitraum, in dem Theodorakis vorrangig als Komponist des Folk-Musicals "Zorbas" und als Protestlied-Revolutionär ungeheure Popularität erlangte. Doch seit den Entwürfen zu "Die Phönizierinnen" 1960 feilte er immer wieder an seiner "metasinfonischen Musik" - einem Versuch, Volks- und Kunstmusik wieder zu versöhnen.
Für die ehrgeizige Opern-Trias über die großen, weiblichen Tragödiengestalten Antigone, Elektra und Medea ging er zudem noch einen Schritt weiter. Eine Rekonstruktion der antiken Aufführungspraxis mit Mitteln des traditionellen, an Bellini, Verdi und Puccini angelehnten Musiktheaters sollte es werden - als eine Art Wiederbelebung des archaischen Belcantos, ohne jedoch buchstabengetreu den Originaltexten von Sophokles und Euripdes zu folgen. Die von Theodorakis collagierten Libretti entschärfen hingegen die dramaturgische Kontur, um die Vokal- und Orchesterpartien in einen Erzähl-Fluss zu verweben, und das mit einer Klangkollektion, die ihn als einen durchaus versierten Handwerker auszeichnet.
Die für alle drei Opern geltende Farbpalette aus überschwenglicher Emphase, hymnischer Zartheit und balladesker Kraft ist weniger an Italien als vielmehr an der russischen Oper des 19. Jahrhunderts um Rimsky-Korssakow angelehnt - ein Grundton, den Theodorakis ständig mit akustischen Wechselbädern in Bewegung zu halten versucht. So lässt sich in "Elektra" purer Ravel entdecken; oder in "Antigone" reiht schon das Orchestervorspiel programmatisch kleinasiatische Motive zu einem schemenhaften, griechischen Volkstanz aneinander. Das aber allein ist aber auf Dauer zu wenig, um den einzelnen Sängerrollen tatsächlich ein nachhaltiges Profil zu geben. Auch wenn den Personen oft charakeristische Instrumentalstimmen zur Seite stehen, fehlt es den tragischen Momenten an dämonischer Plausibilität, zumal die verschwimmende Sprachdiktion des Griechischen durch das russische Ensemble notwendige Strukturschnitte kaum zulassen.
Um so erfreulicher sind die Gesangsleistungen der Protagonisten und des erstklassigen Chores, die allesamt aus der semantischen Not einen musikalische Tugend machen. Besonders Emilia Titarenko stemmt gleich die beiden Partien der "Antigone" und "Medea". Mit dem auch konditionell großartigen Zugriff auf belcantistische Intensität schafft sie mühelos die Spannung aus zart-edlen Höhen und tief-dunkler Expressivität. Wer Wert legt auf interpretatorisch hohes Niveau, der greife zu diesen beiden Aufnahmen. "Elektra" hingegen ist das überzeugende Plädoyer für den falschen Russen Theodorakis und dessen wohldosierten Sinn für leidenschaftliche Dimensionen.

Guido Fischer, 19.10.2000



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