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Johann Sebastian Bach

Arias & Oboe d’Amore

Daniel Taylor, Bruce Haynes, Scott Metcalfe u.a.

Atma/Musikwelt ACD 2 2158
(57 Min., 4/1998) 1 CD

Sämtliche Vorteile der historischen Aufführungspraxis bei Bach auf einen Blick bzw. Höreindruck: Ein zauberhaft wohltimbrierter Countertenor trägt Arien schlanker, geschmeidiger und eleganter vor als die viele Fachkolleginnen nicht nur der Vergangenheit (man denke nur an das pastose Wabern im Altregister, das viele Aufnahmen der 60er und 70er verleidet), sondern auch der Gegenwart - scheint nicht das typische Registerproblem der Oratorienaltistin auch heute noch vielfach ungelöst zu sein? Ein kleines, brillantes Originalinstrumenten-Ensemble, bestehend aus Spitzenkräften der Szene, begleitet nicht nur auf höchstem Niveau, sondern trägt auch noch Instrumental-Konzertantes bei (der etwas holprige Titel der CD zeugt von der Schwierigkeit der Herausgeber, den Inhalt in einen griffigen Titel zu fassen).
Um mit letzterem zu beginnen: Bachs Konzerte für Oboe d’amore BWV 153a und BWV 1055a gewinnen ungemein durch den raueren, satteren und prägnanteren Klang eines historischen Oboeninstruments, das haben auch frühere Aufnahmen schon bewiesen. Bruce Haynes verwöhnt den Hörer einerseits mit dem Wohlklang, den sein Instrument so reichlich verströmt, misst andererseits aber der sprechenden Gestaltung seiner melodischen Linien vorrangige Bedeutung bei - eine differenzierte dynamische und agogische Darbietung ist das überzeugende Ergebnis, gelegentliche klangliche Unebenheiten können dafür ohne weiteres in Kauf genommen werden. Allenfalls sein Passagenwerk in den schnellen Sätzen könnte man sich mehr legato gespielt vorstellen. Erstklassig reagieren die solistisch besetzten begleitenden Streicher auf jede Nuance des Solisten.
Interpretatorisch etwas passiver als Haynes lässt sich Countertenor Daniel Taylor von Bachs Melodien führen, dabei den Text nicht immer mit allerletzter Deutlichkeit zur Geltung bringend; zu reibungsfrei, zu vollkommen funktioniert wohl seine Stimme, als dass er das freie Fließen durch deklamatorische Irritationen stören möchte. Die dementsprechend etwas inadäquate Behandlung der im Barock so wichtigen rhetorischen Ebene ist der einzige milde Vorwurf, den man Taylor machen könnte: Im Zusammenspiel mit Haynes, etwa im "Qui sedes" aus der H-Moll-Messe oder in "Schäme dich, o Seele, nicht" aus BWV 147 tritt der unterschiedliche Interpretationsansatz der beiden hin und wieder zu Tage. Mit dem Violinsolisten Scott Metcalfe versteht sich Taylor beim "Erbarme dich" aus der Matthäuspassion in dieser Hinsicht dagegen besser.

Michael Wersin, 08.05.2004



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