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Peter Iljitsch Tschaikowski

Sinfonie Nr. 6, Serenade für Streichorchester

Concertgebouw-Orchester Amsterdam, Willem Mengelberg

Naxos 8.11 0885
(70 Min., 4/1941, 11/1938) 1 CD

Das musikalische Herz, das in der Brust des kleinen, gedrungenen Niederländers schlug, war bisweilen unberechenbar. Dann war Willem Mengelberg nicht mehr Herr seiner Sinne und erst recht nicht seiner Gedanken. Dann brachte er in die große Sinfonik seine ganz eigene, stets manieriert wirkende Ordnung hinein, bei der schon die Zeitgenossen die Hände über dem Kopf zusammenschlugen. Nicht nur dadurch ist Mengelbergs Glanz heute verblasst. Auch sein Opportunismus während der Nazi-Herrschaft hat ihm postum mehr geschadet als der eines Karajan. Doch wer sich trotz aller Interpretationsmarotten in die Welt Mengelbergs traut und dabei alle modernen, auf harte und klare Klangprofilierungen setzenden Vergleichseinspielungen zurückstellt, der wird bisweilen sein überraschendes Wunder erleben. So wie bei den historischen Tschaikowski-Aufnahmen Mengelbergs mit seinem Concertgebouw Orkest.
Natürlich lässt Mengelberg in Tschaikowskis Sinfonie-Schlager, in der "Pathétique" keine Zweifel, dass er einer der letzten, bedeutenden Romantiker am Dirigentenpult war. Wie er die Streicher in der Reprise des ersten Satzes über das frisch gebohnerte Parkett der Gefühligkeit mit einem Super-Portamento und kieksenden Seufzern schickt, ist schon Marmeladenmusik in Reinstform. Und der Walzer der Streicherserenade wird mit Sentimentalitätsparfüm solange eingesprüht, bis selbst die Orchestergruppen untereinander die Orientierung verlieren. Aber Mengelberg zeigt sich gerade bei Tschaikowski als Mann mit den zwei Gesichtern. Wenn er das Pathos nicht zerwühlt, sondern ihm eine Geschichte entlockt, die nichts mit dem autobiografischen Weh-Klagen Tschaikowskis zu tun hat. Vielmehr hängt Mengelberg in der 6. Sinfonie dunkle Bleigewichte wie aus Mussorgskys "Boris" hinein (Allegro con grazia). Und das wild ausschlagende "Allegro molto vivace" macht Mengelberg zu einer transparenten Bühnenmusik, in der das ausdifferenzierte Stimmengeflecht dennoch fast phantasmagorische Züge annimmt. Mengelberg wird so zu einem Geheimnisträger, der gegenüber seinen späteren, auf pure Show setzenden Kollegen weit im Vorteil ist. Auch wenn Mengelberg im Finale wieder vom Kintopp-Bombast-Fieber gepackt wird.

Guido Fischer, 04.09.2004



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