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Peter Iljitsch Tschaikowski

Klavierkonzert Nr. 1, Sinfonie Nr. 4

Yefim Bronfman, Symphonieorchester des BR, Mariss Jansons

RCA/Sony BMG 82876 77718-2
(87 Min., 10/2005 - 11/2005)

Die Fragen stehen im Raum, und sie müssen die Erlaubnis haben, sich dort aufzuhalten: Warum dies? Warum die geschätzt 777. Aufnahme des ewigen Klassikers, des pianistischen Parforceritts in b-Moll? Welche Erkenntnis soll das haben und/oder bringen? Und gibt es nicht zahllose andere Werke für die Besetzung, die es lohnen würden, für die Ewigkeit auf eine kleine rund Scheibe gebannt zu werden? Zugespitzt: Fällt denen wirklich nichts Neues ein? Anscheinend nicht. Aber was soll’s, der Musikbetrieb Klassik brummt, egal ob es Adorno passt oder nicht, seit langer, langer Zeit eben doch am besten (und eingängigsten), wenn am Abend im Saal und hernach auf der CD Werke des klassisch-romantischen Repertoires erklingen zum Zwecke des Genusses. Doch genug der Mäkelei, bei eingehender Betrachtung der Dinge ergeben sich doch einige aufschlussreiche interpretatorische Merkmale. Zu danken ist dies zu gleichen Teilen dem Solisten Yefim Bronfman und seinen Partnern, dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks und dessen Chefdirigenten Mariss Jansons. Sie ersparen uns den Tschaikowskischaum über weite Strecken, jenen pastosen Klang, der etliche Details übertüncht, die es in diesem Klavierkonzert (welches zugegebenermaßen nicht im Entferntesten an die Qualität der beiden Brahms’schen heranzureichen vermag und auch den Nummern zwei und drei von Rachmaninow an Gedankenschärfe nachhängt) bei allem Oktavendonner und Akkordgewimmel gibt. Kurzum: Es waltet Transparenz, der Klang ist hell und trennscharf, sowohl im Klavier wie im Orchester, zuweilen gar erfrischend metallisch. Das Kantable, häufig genug zurückgedrängt, erhält seinen Platz und sein Gewicht, und eben darin liegt die höhere Logik dieser Wiedergabe: Sie vermag es, die Verbindungen zwischen den Sätzen herauszustellen, und diese liegen eben in den kammermusikalischen Strukturen, in den Melodielinien, im zarten Zwiegespräch der Stimmen. Der Kopfsatz, wiewohl mit einigen Rubati zu viel gesegnet, bildet hier gleichsam den Auftakt zum (weit kürzeren, jedoch konziseren, straffer gearbeiteten) lyrischen Kernsatz, dem Andantino semplice. Bronfman und Jansons nehmen die Vorschrift ernst, sehr ernst. Sie singen ein Lied, mehr nicht, und nicht weniger. Und auch im Mittelteil dieses Satzes, dem Prestissimo, verfallen sie nicht in virtuose Verve ohne Hintersinn, nein, sie behalten den Tonfall des intimen Dialogs bei – nur in weit rascherem Tempo. Selten wurde das Flüchtige dieser Konversation so unterminiert durch eine rhythmische Beweglichkeit wie hier. Auf dem Niveau geht es ins Finale, und auch hier obsiegt das Prinzip einer rhythmischen Transparenz über das der klanglichen Opulenz, ist die gefährliche Vorschrift con fuoco variiert in ein tänzerisches brio. Strawinsky ist plötzlich nicht mehr fern. Um dann, in der vierten Sinfonie Tschaikowskis, von Jansons wieder hineinbefohlen zu werden. Bei aller Trennschärfe gehen ihm in diesem Werk doch wieder die Gäule durch. Ob man derlei Dampfturbinenästhetik mag, sogar intensiv aufregend finden will oder doch kitschig – das wiederum ist eine Frage der Haltung und des Geschmacks. Und so möge sie im Raum stehen bleiben.

Tom Persich, 31.08.2007



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