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Johann Sebastian Bach

Bach Kantanten (Bass-Solokantaten BWV 56, 82, 158)

Thomas Quasthoff, Albrecht Mayer, Berliner Barock Solisten, Mitglieder des RIAS Kammerchores, Rainer Kussmaul

DG/Universal 477 532-6
(50 Min., 1/2004) 1 CD

Gern werden die Weltabgewandtheit und die Todessehnsucht des barocken Protestantismus, die auch in allen drei Bass-Solokantaten Johann Sebastian Bachs im Zentrum stehen, heute als grotesk morbide Sentimentalismen in einer hinsichtlich der äußeren Lebensumstände sehr unkomfortablen Alltagsrealität abgetan. Mit Blick auf die naiv-verkrampfte Diesseitigkeit unserer Zeit allerdings, die für viele, die in der Spiel- und Spaßgesellschaft ausgekichert haben, nur ein trostloses Verenden ohne spirituelle Perspektive ermöglicht, dürfte die Frage erlaubt sein, ob nicht eine wie auch immer geartete "ars moriendi", wenigstens ein Enttabuisieren der unweigerlichen Vergänglichkeit alles Irdischen, nicht den Weg frei machen würde für einen beherzten und vielleicht konstruktiveren Umgang mit dem eigenen Sterben-Müssen.
Solche Überlegungen scheinen, so deutet es der Beihefttext dieser CD zumindest an, für Thomas Quasthoff durchaus eine wichtige Rolle gespielt zu haben bei der Entscheidung, dem Hörer diese Musik Bachs zu präsentieren: Die "christliche Mission" der Kantaten zu vermitteln sei ihm ein Anliegen, sagt er und spricht von einem "sehr persönlichen Erleben" dieser Musik. Für die Beurteilung der Aufnahme ist es wichtig, von dieser Interpretationshaltung zu wissen, denn Quasthoff gestaltet seinen Part als Angehöriger einer mit solchem Gedankengut nicht mehr automatisch vertrauten Gesellschaft weniger nach objektiven als nach subjektiven Gesichtspunkten: Wer eine Darbietung aus dem Geist der historischen Aufführungspraxis auf der Grundlage von Erkenntnissen über das Eigenleben der musikalischen Figuren samt ihrer engen Textverbundenheit erwartet, der wird eher enttäuscht sein. Schon die abwärts gerichteten Seufzerketten in der ersten Arie der Kreuzstab-Kantate geht Quasthoff eher emphatisch als sauber artikulierend an, und in der koloraturreichen Oboenarie derselben Kantate neigt er ein wenig zu jenem "Bellen", das Fischer-Dieskaus Einspielungen des Stücks regelrecht versauert. So etwas passiert, wenn der Wille zur eigenständigen Ausgestaltung in Konflikt gerät mit der Expressivität, die die barocke Musik durch ihr differenziertes und ausgereiftes Repertoire an musikalischen Chiffren bereits immanent enthält. Michael Schopper vollbrachte diesbezüglich mit der im Jahre 1976 entstandenen Einspielung der Kreuzstabkantate (Teldec) eine keineswegs unpersönlich geratene Pioniertat, die sich bis heute hören lassen kann.
Positiv zu vermerken ist u.a., dass Quasthoff mit der hohen Tessitura der Stücke - vor allem BWV 158 (Der Friede sei mit dir) liegt für einen Bassbariton sehr unbequem - sehr gut zurechtkommt und gerade in der oberen Lage stets frei und flexibel zu gestalten vermag. Die Berliner Barock Solisten begleiten mit der ihnen eigenen Mischung aus modernem Instrumentalklang und an der historischen Aufführungspraxis geschulten Spielweise - eine sehr inspirierende Basis für den Gesangssolisten. Schade daher, dass Quasthoff die Kantaten dennoch eher aus der Perspektive des Kunstliedsängers heraus gestaltet, obwohl dies freilich nicht das Schlechteste ist, was diesen Stücken passieren kann.

Michael Wersin, 09.10.2004



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