Reinhard Goebel ist immer gut für einen neuen Geschwindigkeitsrekord, und hier stellt er mal wieder einen auf: Die Kantate BWV 170 "Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust" wurde so schnell wohl noch nie auf einen Tonträger gebannt. Im Finale "Mir ekelt mehr zu leben", wo Goebel übrigens die obligate Orgel durch eine Traversflöte ersetzt, wie Bach dies selbst bei einer Aufführung tat, macht das rasende Tempo immerhin insofern Sinn, als sich die Schüttel-Figuren des Soloinstruments so gespielt überzeugend dem Affekt des Ekels zuordnen lassen. Der titelgebende Kopfsatz hingegen scheint, wird er derart vorangetrieben, weniger von vergnügter Ruh’ denn von grimmiger Eile bestimmt. Magdalena Kožená lässt sich allerdings kaum aus der Ruhe bringen und präsentiert sich besonders in der oberen Mittellage von ihrer Schokoladenseite, während für den doch auch nicht unwichtigen unteren Bereich ihrer Tonskala die im selben Satz zum Ausdruck gebrachte Hoffnung "du stärkst allein die schwache Brust" keineswegs in Erfüllung geht: Acht Jahre nach Koženás DG-Debüt mit einem Bacharienrezital, das mit seiner Mischung aus Alt- und Sopranarien die Stimmlagen-Zuordnung nicht eindeutig erlaubte, ist ebendiese Frage noch immer brandaktuell; während nämlich in BWV 170 die matten tieferen Töne, und zwar nicht etwa erst in der kleinen, sondern schon am Fuße der eingestrichenen Oktav, erweist sich Johann Christoph Bachs Lamento "Ach, dass ich Wassers g’nug hätte" als deutlich zu tief für die Sängerin: Nicht einmal der vielleicht nach gedämpfterer Tongebung verlangende Klage-Affekt kann in diesem Stück die offensichtliche Mühe um Fokussierung der Stimme in der unteren Bruchlage entschuldigen. Wie wohl fühlt Kožená sich dagegen, wenn es mal ein wenig höher hinaus geht! Francesco Bartolomeo Contis Kantate "Languet anima mea" mit ihrer höheren Tessitura wirkt wie eine Befreiung für das (angebliche?) Mezzo-Material, das sich hier nach Herzenslust sowohl lyrisch als auch mittels Trillern und Koloraturen entfalten kann. Gleiches gilt für Carl Philipp Emanuel Bachs ganz reizend-unterhaltsame Cantata "Selma", die mit ihrer weltlichen Thematik übrigens ebenso den Rahmen des zuvor rein geistlichen Programms sprengt wie die abschließende Scena "Die Amerikanerin" von Johann Christoph Friedrich Bach. Sopran oder Mezzo? Warum auch immer Magdalena Kožená nach wie vor die tiefere Lage als ihre Domäne betrachtet: Sie verfügt weder über die notwenige Substanz im Brustregister noch über die erforderliche Souveränität in der Anbindung desselben an die Mittellage, um sich in diesem Fach wirklich frei bewegen zu können. Diese ungelöste Problematik schmälert die Freude an ihrer wirklich außergewöhnlich schönen Stimme.

Michael Wersin, 05.02.2005



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